Moralische Unordnung

Das Mädchen Nell schlägt sich durchs Leben und ist der ironischen Denkerin Atwood ähnlicher als jede andere ihrer literarischen Heldinnen.
Wer gern komplexe Familienbeziehungen seziert, kann sich mit diesem Roman genüssliche Leseabende bereiten. Autorin Margret Atwood widmete ihn ihrer eigenen Familie. Vereint sind darin mehrere Erzählungen, die für sich allein stehen könnten, aber doch lose zusammenhängen
Die Elfjährige, die in „Die Kunst des Kochens und Auftragens“ an einem Babyjäckchen strickt, weil ihre Mutter schwanger ist und sie mit verbissener Arbeit die Angst um sie vertreiben will, ist ohne Zweifel dieselbe Person wie die am Buchende.
Da sitzt eine junge Frau bei ihrer 92 Jahre alten Mutter und versucht, ihr mit „Geschichten von ihr selbst, als sie jünger war“, ein Lächeln zu entlocken. Die Auswahl ist begrenzt, denn die Tochter hat nur zur Verfügung, was ihr die Mutter einst selbst erzählte. Sie kann nur Stichworte geben, denn viel hört und versteht die Bettlägerige nicht mehr. Trotzdem funktioniert es.
Eine Erzählung früher waren die Eltern noch zu zweit. Da ist der Vater, sechs Jahre nach einem Schlaganfall, in Gedanken mitten in einer Expedition, von der seine Frau ihm vorliest. Er war früher selbst ein Abenteurer, jemand, „der genau weiß, was er tut“. Dann kommt der zweite Schlaganfall, der die Hälfte der Sehkraft, das Kurzzeitgedächtnis und die Orientierung zerstört. Das Wohnzimmer wird zum für ihn unbekannten Ort.
Die Dialoge zwischen Tochter und Mutter, die ihre Verzweiflung zu verbergen versucht, las ich zweimal. Noch besser sind die Wortwechsel mit dem Vater, der mit dem Rest seines Verstandes herauszufinden versucht, wo er ist. Das Sonnenlicht auf dem Holzfußboden ist seiner Einschätzung nach ein Fluss.
„Wo sind wir jetzt?“, fragt die Tochter. Sie weiß, es hat keinen Sinn, ihm zu sagen, dass er zuhause ist.
„In einem Wald“, sagt der Vater. „Wir müssen zurück“.
Beide überlegen, wie.
Der Vater drängt auf reichlich Holz- und Essensvorräte.
„Wir wissen, was zu tun ist“, versichern die beiden einander. „Wir kommen zurecht.“
Wer mit altem Menschen behutsam umgehen will, kann von Margrit Atwood sehr viel lernen.
Die kanadische Porträtkünstlerin wartet mit weiteren Figuren auf: einer psychisch labilen Schwester, einer autoritären Ex-Frau, die die Geliebte ihres Mannes manipuliert, einem verheirateten "Mann meines Lebens", einer alternden Lehrerin, mit glasklarem Verstand, die ihre Schüler das Denken lehrt, und einem tückischen,herrschsüchtigen Pferd.
Warum die Geschichten über sie unter "dem Titel Moralische Unordnung" vereint sind, erklärt Margaret Atwood selbst: So hieß der Romans, den Graeme Gibson (Schriftsteller, verheiratet mit M. Atwood) 1996 schrieb, als er beschloss, keine Romane mehr zu schreiben. Ob sie fortan nur noch Erzählungen bringt? Oder sich nach diesem "Scheinwerferlicht auf ihr eigenes Leben" (O-Ton Klappentext)zur Ruhe setzen will? Bald werden wir es wissen.
"Literarisches Selbstporträt", ausführliche Rezension mit biografischen Bezügen zum Leben der Autorin


