Gertrude und Claudius

Updikes 51. Roman wirft neues Licht auf die Helden von Shakespears "Hamlet". Der 70jährige Autor zeigt sich als Meister der historischen Recherche - und der Schilderung von Begehren, Verführung und Erotik.
John Updike erweckt den bleichen Geist zum Leben, der bei Shakespeare Prinz Hamlet erscheint. Es ist, wir wissen es, sein Vater, der ermordete König von Dänemark. Bei Updike heißt er nach alten Quellen Horwendil.
Als junger Mann in Saft und Kraft freit dieser um Gertrude, Tochter des amtierenden Regenten. Das tiefste Gefühl dabei ist aber nur die freudige Aussicht auf die Königswürde. Auch Gertrude liebt ihren Gatten nicht, der in der Hochzeitsnacht einschlief. Dennoch arrangieren sich die beiden in dieser arrangierten Ehe, ein Sohn kommt zur Welt.
Amleth, der spätere Hamlet, wächst zu einem intellektuell mittelmäßigen, unsteten, herzenskalten Jüngling heran, der sich seiner Mutter zunehmend entfremdet und dem Vater nicht das Wasser reichen kann.
Das Drama bahnt sich schleichend an, wir sehen es kommen. Schon das Mädchen Gertrude hatte einen Blick auf den jüngeren Bruder ihres Bräutigams geworfen und er auf sie. Mit weit über 50 streifen sie die Fesseln der Schicklichkeit ab, geben ihren Gefühlen nach und werden ein Paar. Meisterhaft schildert Updike die späte Liebe ohne Scham und Tabus und die Schwierigkeiten, einen als beglückend erlebten Ehebruch geheim zu halten. Der König kommt dahinter und Claudius greift zum Gift, ehe dieser Konsequenzen ziehen kann. Die Umstände sind günstig, der Brudermörder gewinnt den Thron.
Updike versieht alle Personen aus Shakespeares Tragödie mit Biografie und Charakter. Er macht plausibel, warum der abgehalfterte Intrigant Polonius und seine mutterlos aufgewachsene verletzliche Tochter Ophelia unweigerlich ihrem Schicksal zusteuern. Oder was Hamlets falsche und echte Freunde umtreibt. In satten Farben zeichnet der Menschenkenner das Leben an einem mittelalterlichen Königshof, gewährt voyeuristische Blicke ins Schlafzimmer eines voneinander gelangweilten Ehepaares und erklärt, wie der Giftanschlag unentdeckt blieb, so dass nur der Mörder und der Geist des Toten davon wissen.
Gertrude und Claudius“ ist Historienroman, Liebensdrama und Kriminalstück in einem Buch. Updike widmete ihn Martha, seiner zweiten Frau, die er mit 45 heiratete.


