Großvater hat oft gedroht, er werde sterben. Am Ende hat er recht gehabt.

Tilmann Rammstedt, Autor der Geschichte "Der Kaiser von China"
(Foto: Stefan Maria Rother)
Mit einer Geschichte über einen Großvater gewann Tilman Rammstedt, 33, in diesem Jahr den wichtigsten Literaturpreis im deutschsprachigen Raum, den Bachmann-Preis.
Rammstedt zeichnet das Porträt eines 80-jährigen Sturkopfs, der sich um keine Konventionen schert. Er ist rechthaberisch, schnell beleidigt, kokettiert mit seinem Tod und buhlt einfallsreich um die Aufmerksamkeit seiner Familie. Der bekennende Kettenraucher hat im Leben nie etwas fertig gekriegt, etliche Großmütter verschlissen und sich ungeniert von mehreren Enkeln einen als Liebling ausgesucht. Dieser, der Erzähler, wuchs auch beim Großvater auf.
Der Alte lässt dem Jungen alles angedeihen, was man als Opa so zu bieten hat, vom Zoobesuch bis zur gemeinsamen Werkelei. Er glaubt zutiefst daran, dass aus dem Sprößling alles werden kann, was dieser sich nur wünscht – Indianer, Schauspieler, Kosmonaut.... Der Preis für diesen Erbprinz-Status ist distanzlose Einmischung, vor der der Enkel zu fliehen versucht. Der Großvater mit seiner „unheimlichen Konstitution“ taugt sogar als Rivale. Erfolgreich gibt er vor den Freundinnen des jungen Mannes den Charmeur und scheut nicht davor zurück, ihn lächerlich zu machen.
Je älter der Großvater wird, desto mehr Macken entwickelt er. Unternimmt zum Beispiel Friedhofsbesuche, um sich daran zu freuen, dass später Geborene schon tot sind. Hat die Familie in Verdacht, ihn umbringen zu wollen und rächt sich seinerseits mit gefährlichen Schikanen. Schickt, notdürftig getarnt, Postkarten von Orten, an denen er nie war.
Der Enkel hat den Großvater zuletzt gemieden, seine Post ungelesen weggelegt. Die letzte Karte kommt nahezu gleichzeitig mit einer Nachricht auf dem Anrufbeantworter, dass Opa verstorben sei. Lakonisch meint der Erzähler, jetzt habe er ein Problem weniger. In Wahrheit hat er eins mehr: Er muss seine Gefühle ordnen.
Auf die letzte Postkarte des Großvaters schreibt er schließlich eine Antwort. Es ist nur ein einziger Satz. Man kann ihn als Grobheit verstehen. Oder aber als verspätete Liebeserklärung. Dann treibt er einem Tränen in die Augen.
Die Jury lobte Tilmans Geschichte als "hochkomisch und brillant". Sie macht oft Lachen, das ist wahr. Ich finde sie dennoch nicht komisch ist, sondern auf subtile, unsentimentale Weise zu Herzen gehend. Und d a s ist wirklich brillant.
Timan Rammstedts Geschichte „Der Kaiser von China“ ist bisher unveröffentlicht. Man kann sie sich aber anhören, vom Autor selbst gelesen. Klicken Sie unter diesem Link auf „Lesung“. Viel Spaß!
Nachtrag: Inzwischen ist der Roman im DuMontVerlag erschienen. Buch ansehen/kaufen?


