Wie gewöhnen wir Opa seine Chef-Allüren ab?

Ich hatte mich sehr darauf gefreut, dass meine Eltern in den Ruhestand gehen. Seit sie jetzt wirklich beide zuhause sind, ist die Beziehung aber schwieriger geworden als vorher. Mein Vater ist ein Macher-Typ, immer gewesen, und dreht voll auf. Er bestimmt plötzlich, was läuft, auch in meiner Familie. Wir sollen alle ins Fitness-Studio, er hat uns angemeldet als Überraschung. Am Wochenende will er im Garten besucht werden und für uns kochen. Er will große Familien-Urlaube planen, buchen und bezahlen. Wenn er Lust hat, holt er spontan den Jungen von der Kita ab und bringt ihn erst abends wieder heim. Meine Mutter findet es gut, dass er was vorhat und nicht zuhause herumhängt. Er war schon immer jemand, der unter Untätigkeit echt leidet. Sage ich ihm, dass das alles mit uns aber so nicht geht, wird er wütend. Er würde schließlich nicht ewig so fit sein wie jetzt noch und irgendwann wären wir ihn sowieso los. Wie bringt man jemandem wie ihm bei, dass er jetzt nicht mehr der große Chef ist wie früher in der Firma? Das Schlimme ist, unser Sohn, 6 Jahre, liebt ihn total und ist immer auf seiner Seite. Er findet, wir sind gemein zu Opa und hat auch schon oft wegen Opa geweint. Louise-Marie G.

Liebe Louise-Marie,

erst einmal herzlichen Glückwunsch zu diesem Power-Papa, den Sie da haben! Kein Wunder, dass sein Enkel auf ihn steht.

Dass er Ihre Kleinfamilie nicht managen kann wie einst seine Mitarbeiter, ist natürlich klar. Ich verstehe aber auch, dass Sie ihm nicht wirklich einen Dämpfer verpassen wollen, der ihn in seinem Schwung lähmt. Der Umstieg ins Rentnerleben dürfte ihm schwer genug gefallen sein.

Ich würde sagen, jetzt ist Ihre Diplomatie gefragt. Lassen Sie ihm seine Würde und sein Selbstverständnis als „Familienältester“. In den Augen Ihres Sohnes ist und bleibt er das sowieso.

Aus der kindlichen Perspektive sind Großeltern immer wichtige, einflussreiche Familienmitglieder, die gleich neben – oder sogar noch über- den Eltern stehen. Sie sind für sie eine Art Schutzschild gegen die fremde, möglicherweise gefährliche Umwelt. Das klingt jetzt vielleicht etwas pathetisch, aber manche Psychologen sehen das so. Starke Konflikte zwischen Eltern und Großeltern sind deshalb für Kinder fast ebenso unerträglich wie zwischen Mutter und Vater.

Dem Opa jetzt Ihrerseits Anweisungen zu geben oder ihn mit Missachtung zu strafen, wäre unklug. Natürlich lauern überall Tretminen wegen der Sachen, die er schon organisiert hat. Vielleicht können Sie die Schritt für Schritt entschärfen. Den ersten großen Familienurlaub mitmachen. Beim nächsten Mal ihm nur den Enkel mitgeben... An das Fitnesstudio gewöhnen Sie sich vielleicht sogar. Oder Sie kündigen den Vertrag, wenn Sie nach der Arbeit lieber etwas anderes machen. Und was den Garten angeht – das Wetter ist ja lange genug schlecht.

Indessen hat sich Opa ja vielleicht auf einen etwas besinnlicheren Lebensrhythmus eingestellt und kann ihn sogar genießen. Wie mir scheint, verdient seine Frau auch etwas mehr Aufmerksamkeit von ihm. Machen Sie Ihrer Mutter Lust auf Unternehmungen, die eine Partnerschaft auffrischen können. Lange genug hat sie sich mit ihren Wünschen zurückgenommen.

Für wahrscheinlich halte ich, dass Ihr Vater bald irgendeine neue "arbeitsähnliche" Beschäftigung für sich aufgetrieben hat, z. B. irgendein Ehrenamt. Leute wie er können einiges bewegen und sich in ihrem Wohnumfeld oder darüber hinaus nützlich machen. Wenn er jetzt so auf Sport steht, könnte er eventuell etwas mit Kindern organisieren.

Oder braucht er eher ein "Schlips-und-Kragen-Ehrenamt", das mit Dienstbesprechungen, Finanzierungskonzepten etc. mehr an seinen einstigen Beruf erinnert und ihm mehr Respekt einbringt? Egal. Machen Sie Ihrem Vater klar: Bei seinem Potenzial braucht er andere Herausforderungen als nur Ihre kleine Familie. Das dürfte nicht einmal gelogen sein. Seine Anspielungen auf die nicht ewig andauernde Fitness würde ich übrigens als Koketterie auffassen. Sparen Sie nicht mit Lob und Lorbeeren, das tut ihm jetzt gut. Die übermäßige Aktivität ist ja wohl auch Angst vor Stagnation, Abbau und Altsein.

Seien Sie sich bei allem, was Sie tun, bewusst: Ihr kleiner Sohn ist mit wachen Augen dabei. Er nimmt auf, wie man mit seinen pensionierten Eltern umgeht. Das ist später für ihn der Maßstab. Und die nächsten pensionierten Eltern sind Sie selbst.

Uta Alexander

Veröffentlicht am 7. April 2009. (1137 Tage alt) in Kummerkasten
 

„Stimmts, Opa“, sagte Anton gestern dicht an meinem Ohr, „das Leben ist ungerecht.“ „Und gefährlich, Alter!“, ranzte ich ihn wütend an. Der Kerl hatte mich aus dem schönsten Schlummer geschreckt.

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kussmann