Darf ich mit meinen Enkeltöchtern etwa nicht über Gott sprechen?

Kürzlich redete ich mit meinen Enkeln über Gott. Ich habe kein Geheimnis darum gemacht, dass ich an ihn glaube, obwohl ich weiß, dass meine Kinder anders denken als ich und auch von der Kirche nichts halten. Es muss die Mädel stark beschäftigt haben. Sie wollten abends von den Eltern mehr wissen. Mein Sohn warf mir am nächsten Tag Gehirnwäsche vor und verbot, das Thema jemals wieder anzuschneiden. Ich darf nicht einmal bei den Mahlzeiten mit den Kindern beten. Ich fühle mich tief verletzt, denn mein Glaube war mir im Leben stets ein Halt und ein Trost in schlimmen Zeiten. Nun soll ich vor meinen Enkeln darüber schweigen. Darf mein Sohn das verlangen? (Ich bin 74 und er ist 38, die Enkel sind jetzt 6 und 9 Jahre.) Werner R., Freiburg

Lieber Werner,

nein, das darf er nicht, wenn er Sie als seinen Vater ernst nimmt. Ihr Glaube ist ein wichtiger Teil Ihrer Persönlichkeit, er lässt sich nicht abspalten oder verstecken.

Ihr Sohn kann Gespräche über Gott auch gar nicht unterbinden. Kinder fragen unweigerlich irgendwann nach, was es mit Gott, Engeln, Himmel, Hölle, Teufel, Paradies oder Jenseits auf sich hat. Das sind elementare Fragen, sie wollen sich die Welt erklären, in der sie leben. Es lässt sich für einen Großvater kaum vermeiden, ihnen Antworten zu geben, so gut er es eben versteht. Zu Schweigen, Ausflüchten oder Lügen kann Sie niemand zwingen.

Ich denke, es belastet Sie, dass Ihr Sohn sich für eine antireligiöse Erziehung seiner Kinder entschieden hat und Sie Ihren Glauben nicht weitergeben können. Das geht nicht nur Ihnen so. Heute stehen viele Religionen gleichwertig nebeneinander. Man prüft sie, statt automatisch die seiner Eltern zu übernehmen. Manche Leute wechseln ihren Glauben wie eine Mode. Sie müssen das hinzunehmen, auch wenn es schwer fällt.

Vielleicht ist es für Sie hilfreich, daran zu denken, dass eine Sehnsucht nach Lebens-Sinn und –tiefe trotz allem in jedem Menschen steckt. Ihre Sicht darauf sollten Sie Ihren Nachfahren unbedingt erklären, allerdings ohne Seitenhiebe auf Andersdenkende. Kinder lernen daraus, dass Menschen mit grundsätzlich verschiedenen Standpunkten - und in Religionsfragen gibt es, wie wir beinahe täglich im Fernsehen sehen, offenbar keine Kompromisse - einander respektieren können. Schon das ist ein hoher Wert, den sie ihrem Großvater zu verdanken hätten.

Irgendwann werden Ihre Enkeltöchter eigenes Weltbild entwickeln. Sie selbst leben Ihr Leben weiter wie bisher, gehen z.B. sonntags in die Kirche und feiern die Feste nicht als bloße Konsumorgien.

Es spricht, finde ich, nichts dagegen, die Mädchen in die Kirche mitzunehmen, wenn diese das wollen. Es ist keine Gehirnwäsche, sondern eine Erfahrung und ein Stück Kultur. Das sollte nun wieder Ihr Sohn einfach mal so hinnehmen. Schließlich werden Sie ihn seinerzeit ebenfalls zu Gottesdiensten mitgenommen haben – und er hat trotzdem seine eigene Haltung zur Religion entwickelt.

Natürlich wollen Sie Ihre Enkel vor Orientierungslosigkeit schützen und Ihnen einen Halt im Leben vermitteln. Das können Sie am besten tun, indem Sie unbeirrt ihr Leben leben, in dem Gott und Kirchgang und Gebet nun mal eine Rolle spielen.

Uta Alexander

Veröffentlicht am 26. November 2008. (1269 Tage alt) in Kummerkasten
 

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