Warum Belehrung nichts bewirkt

Tauben
Aha, so zähmt man also Tauben... Venedig-Besucher lernen das ganz schnell durch Zugucken und Nachmachen. (Foto: Lutz Pfeil)

Putz dir immer gut die Schuhe, wasch vorm Essen die Hände, lies öfter mal ein gutes Buch – solche Ermahnungen hören Kinder andauernd und fühlen sich davon genervt.

Opas Freude an frisch gewienerten Stiefeln hingegen oder der Anblick einer Oma, die beim Lesen die Zeit vergisst, wirken als Ansporn, es auch mal damit zu probieren. Nicht selten werden diese Gewohnheiten übernommen.

Dass das Vorleben erwünschter Tugenden die beste Erziehung ist, ist ein alter Hut. Inzwischen können Wissenschaftler aber erklären, w a r u m es so gut funktioniert: Auslöser sind die Spiegelneurone im Gehirn, die durch Beobachten fremden Verhaltens aktiv werden. Sie sind die neurophysiologische Grundlage für das Erlernen von Tätigkeiten. Vereinfacht gesagt: Menschen sind von klein auf aufs Zuschauen und Nachmachen programmiert. So vererben sie ihre Kultur.

Den Beweis verdanken wir Giacomo Rizzolati und Vittorio Gallese, die im italienischen Parma mit Affen forschten. Die Neurobiologen entdeckten 1995, dass sich beim puren Zusehen im Gehirn dasselbe abspielt wie beim Selber-Tun. Das eigene Handeln wird vorweggenommen, der Weg zum erfolgreichen "Nachäffen" gebahnt. Auch bei emotionalen Aktionen und Reaktionen wirkt die Kraft des Vorbilds, bei Menschen nicht anders als bei Primaten. Eltern etwa, die Konflikte mit Geschrei und Prügel lösen, geben dieses Verhalten weiter. Genau wie ihre Gestik oder ihr Essverhalten.

Das kann, aber muss sich nicht gleich zeigen. Es lassen sich vielmehr drei Wirkungsweisen der Spiegelneurone beobachten:

  1. Sofortwirkung: ein Kind kann eine Tätigkeit aufmerksam beobachten und umittelbar danach recht erfolgreich nachmachen, z.B. Tanzen, ein Ei trennen oder sogar ein Auto starten
  2. Wirkung über einen längeren Zeitraum: Bilder, die Kinder in sich aufnehmen, kömmen allmählich zum Tragen. Das Phänomen, dass man seiner Mutter oder seinem Vater fast unweigerlich ähnlicher wird als man je wollte, und sogar die gleichen „Macken“ zeigt, erklärt sich so.
  3. Wirkung als „Zeitbombe“: Dinge werden quasi auf Vorrat gelernt und erst aktiviert, wenn es einen Auslöser gibt. Die gespeicherten „Daten“ halten lange. Kommen Kinder z.B. als Erwachsene zu einem Stück Land, werden sie gärtnern, wenn Eltern oder Großeltern das mit Leidenschaft taten.

Wer verhindern will, dass sich negative Familien-Gepflogenheiten vererben, hat nur eine Möglichkeit: Konsequentes Training. Nur Handeln und neue Erfahrungen schwächen die Wirkung der Spiegelneuronen ab.

Gut zu wissen: Großeltern können davon ausgehen, dass sie Enkeln einen Entwicklungsvorsprung verschaffen, wenn sie diese von klein auf bei Tätigkeiten zuschauen lassen, die es später zu meistern gilt.

Fallbeispiele zu dieser spannenden Erkenntnis der Hirnforschung

Mehr zu Lernen durch Beobachten

Zur Bedeutung der Entdeckung der Spiegelneurone

Buchtipp: Joachim Bauer: „Warum ich fühle, was du fühlst“

Veröffentlicht am 21. September 2008. (1335 Tage alt) in Wussten Sie schon
 

„Stimmts, Opa“, sagte Anton gestern dicht an meinem Ohr, „das Leben ist ungerecht.“ „Und gefährlich, Alter!“, ranzte ich ihn wütend an. Der Kerl hatte mich aus dem schönsten Schlummer geschreckt.

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kussmann