Nie ein Nein von Oma - ist Verbieten nur Sache der Eltern?
Mein Mann und ich haben eine Tochter (3) und einen Sohn (1) und beide sehr nette Familien mit tollen Großeltern für unsere Kinder. Dennoch gibt es immer wieder Spannungen mit meiner Familie.
Zwei Themen belasten die Beziehung insbesondere zwischen meiner Mutter und mir ganz erheblich. Zum einen das Thema Ernährung und zum anderen das Thema Erziehung, die Klassiker eben.
Meine Tochter, von jeher eine sehr schlechte Esserin, ist eher untergewichtig, aber zäh, kerngesund, sehr aktiv, fröhlich, aufgeweckt und super entwickelt. Bei uns zuhause thematisieren wir das Essen überhaupt nicht mehr und haben damit eine Menge Druck rausgenommen. Dennoch halten wir unsere Tochter zu ausgewogener vernünftiger Ernährung an. Sie selbst würde sich am liebsten ausschließlich von Süßigkeiten ernähren. Wir halten es so, daß es vormittags gar keine Süßigkeiten gibt, sie am Nachmittag aber eine Kleinigkeit haben darf. Wenn sie Ihr Mittagessen aber gar nicht angerührt hat, bekommt sie keine Süßigkeiten. Das Verfahren ist so auch mit dem Kinderarzt abgestimmt.
Dass wir so vorgehen, kann meine Mutter anscheinend überhaupt nicht verstehen. Was der Kinderarzt sagt oder auch in Ratgebern steht, ist aus ihrer Sicht ohnehin alles Quatsch. Oft genug habe ich mir anhören müssen, daß ich dem Kind doch zu essen geben soll, was es mag. Und wenn es nun mal nichts mag, wäre es doch immer noch besser, daß es Süßigkeiten isst. An meiner Tochter wäre doch sowieso schon nichts dran und sie würde ja selber merken, wann sie genug Schokolade hat und hört nach dem 4. Riegel Kinderschokolade doch auch von selbst auf usw.
Wenn wir nun bei meinen Eltern sind, ist es so, daß meine Tochter generell nichts von ihrem Essen (egal welche Mahlzeit) anrührt, weil sie ja weiß, daß es in jedem Fall Süßigkeiten gibt, wenn sie Hunger hat. Im Kühlschrank findet sich immer was Süßes. Oben im Haus wohnt meine Oma, die der Kleinen ständig was zusteckt, und wenn meine Tante vorbei kommt, bringt die auch noch was mit.
Gerade passiert: Als ich in die Küche kam, standen meine Tante und meine Mutter mit meiner Tochter auf dem Arm vor dem Kühlschrank vor den Schokosachen, um, wie sie mir dann weismachen wollten, die Dinge nur mal anzugucken. Meiner Tochter haben sie dann gesagt: "Ach Du darfst ja nicht mehr".
Meine Oma versuchte, meinen 10 Monate alten Sohn, der vermutlich an einer Kuhmilcheiweißallergie leidet (Tests laufen gerade, Tatsache ist, daß er mit starkem Ausschlag reagiert), mit einer Schokosahnetorte und danach noch mit Erdnußflips zu füttern. Meine Tante hat mir schon während der Stillzeit ständig mitgeteilt, daß ich dem armen Kind doch mal ne ordentliche Flasche kochen soll usw. Wenn ich nun was zu meiner Mutter sage, kommem beleidigte Reaktion ihrerseits: "Ich geb ihr nichts Süßes mehr", aber leider hält sie sich dann doch nicht dran. Mittlerweile bin schon immer sichtlich genervt, wenn ich bei ihr ankomme und gleich das Thema Süßigkeiten dominiert...
Sind wir mal nur einen Tag dort, sehe ich über das alles hinweg und lasse zu, daß unsere Tochter an dem Tag so gut wie nichts Vernünftiges isst und versuche dann am Folgetag, dies zu regulieren. Wenn ich allerdings mal für mehrere Tage dort bin, kann ich das nicht. Und hinzu kommt, daß mein Mann sie nicht allein für ein paar Tage dort lassen will, was ich auch sehr schade finde, denn ich fände es schön, wenn sie auch einfach mal allein Zeit bei Ihren Großeltern verbringen kann.
Es ist nicht nur das Thema Ernährung, sondern auch, daß meine Tochter bei meinen Eltern einfach alles machen darf, was sie will, es nie ein Nein gibt und Ihr einfach jeder Wunsch erfüllt wird. Grundsätzlich finde ich auch, daß die Großeltern das Privileg haben, ihre Enkel zu verwöhnen, aber meines Erachtens müssen auch bei den Großeltern gewisse Grundregeln eingehalten werden.
Zum Beispiel lässt meine Tochter sich von meinen Eltern grundsätzlich nur tragen. Und sie tragen sie! Das ist mir egal, wenn sie meinen, daß sie das machen müssen. Aber ich höre mir dann am Ende des Tages an, daß meine Tochter wohl nicht laufen kann und ihnen der Rücken weh tut. Komisch, zuhause läuft sie! Vernünftig am Tisch an ihrem Platz sitzen bis sie fertig ist mit essen (wie zuhause) will sie hier nicht. Nein, sie muss auf dem Schoß der Oma essen, die mich dann wieder mißbilligend anguckt, wenn ich das unterbinde. Sie lässt die Kinder auf ihrer Couch toben und springen, was meine Tochter zuhause nicht darf und nicht macht, meint aber hinterher, daß ihre Couch kaputt geht, daß es aber Aufgabe der Eltern wäre, hier was zu sagen. Konkret: Sie können und wollen einfach nicht nein sagen. Viel schlimmer noch: Bei uns gibt es klare Regeln und Konsequenzen. Wenn meine Tochter bei den Großeltern bockt und quengelt und ich mit ihr rede, rennt die Kleine weinend zu Íhrer Oma und wird von dieser glatt hochgenommen, getröstet und verhätschelt. Sogar im Beisein meiner Tochter sagt meine Mutter mir, wenn sie findet, daß ich zu streng war.
Meine Tochter merkt jedenfalls sehr genau wie der Hase läuft und daß sie dort immer Rückendeckung hat, so daß sie sich teilweise wie die Axt im Walde benimmt. Dabei ist sie eigentlich sehr lieb und verständig, hört gut und mit ihren altersbedingten Wutanfällen wissen wir umzugehen. Aber sind wir dort, haben wir auf einmal ein ganz anderes Kind, das teilweise ablehnend und aggressiv auf uns reagiert.
Am letzten Wochenende bin ich deshalb auch nach 2 Tagen mit den Kindern wieder abgereist, obwohl ich ursprünglich länger bleiben wollten. Ich weiß nicht, wie man hier eine Lösung und zueinander finden kann. Meine Mutter ist einfach nicht für vernünftige Argumente offen und reagiert immer gleich sehr harsch und denkt, daß ich alles, was sie als Großeltern machen, ablehne. Dabei sind sie, wie gesagt, tolle liebevolle Großeltern. Aber darf ich nicht erwarten, daß gewisse Grundregeln eingehalten werden?
Witzígerweise gibt es auch regelmäßig kleine Spitzen meiner Schwiegereltern, die der Meinung sind, daß wir unsere Kinder nicht streng genug erziehen und sie zu sehr verwöhnen, also völlig gegensätzlich. Wir interpretieren das allerdings so, daß wir doch irgendwo in der Mitte auf dem richtigen Weg sein müssen.
Was ich vielleicht noch erwähnen muss: auch für mich und meinen Bruder gab es früher zuhause klare Regeln, an die wir uns zu halten hatten und auch begrenzte Süßigkeiten. Carola
Liebe Carola,
Sie verhalten sich als Mutter eigentlich erfreulich vernünftig und entspannt. Ganz deutlich wird das in Ihrem Brief am Schluss. Wenn Oma A Sie zu streng findet und Oma B nicht streng genug, liegen Sie richtig – nämlich in der Mitte, sagen Sie. Stimmt genau!
Dass Sie kein Drama um die Esserei Ihrer Tochter machen und nur auf einigen wenigen Regeln bestehen, ist echt das Beste, was Sie tun können. Es passt in Ihren Alltag und bewährt sich. Wunderbar!
Mit welcher Ignoranz manche Großmütter solche praktischen Arrangements in den Wind schlagen, verblüfft mich immer wieder. Manchmal habe ich fast den Eindruck, sie verhalten sich selbst wieder wie trotzige Kinder. Ich glaube kaum, dass Ihre Mutter, die Sie und Ihren Bruder handfest erzogen hat, es mit ansehen würde, wenn ein ihr anvertrautes Kind über Wochen nur Süßigkeiten zu sich nähme. Beim „Besuchs“-Enkelkind fühlt sie sich offenbar frei von Verantwortung – und es macht vielleicht auch Spaß, die eigene Tochter ein wenig zu provozieren...
Im Fall der kleinen schwierigen Esserin mag das ja noch angehen. Sollte Ihr Sohn tatsächlich eine Allergie haben, kann es lebensgefährlich werden, wenn seine Großeltern das nicht ernst nehmen. Menschen, die keine Erfahrung damit haben, sind oft geneigt, Allergien für Erfindungen von Spinnern zu halten, die weggehen, wenn man sie ignoriert. Vor allem ältere, die in Zeiten mit knapper Versorgung lebten. Damals war das ja ein irrelevantes Problem. Reden Sie mit Ihrer Mutter eindringlich darüber. Hier geht es nicht mehr um „Erziehung“, sondern um Gesundheit und Leben, und es gibt keine Kompromisse. Ohne volles Vertrauen in ihre Zuverlässigkeit werden Sie Ihren Eltern ihre Enkel nie allein geben können!
Verhaltenstipps sind in Ihrem Fall schwierig. Viele Großeltern zwischen 60 und 70 lassen sich mit Anweisungen von Kinderarzt beeindrucken, was bei Ihrer Mutter offenbar nicht zieht. Sie kennen sie am besten, überlegen Sie, was sie ernst nimmt. Bitten und Drohungen wohl auch nicht, und auch nicht Ihre verfrühten Abreisen. Wie schade!
Vielleicht sollten Sie ihren Ehrgeiz wecken: Oma könnte ja versuchen, der Enkeltochter ein paar leckere, gesunde Dinge schmackhaft zu machen, die sie sonst verschmäht, z.B. während sie sich beim Kochen zugucken oder helfen lässt. (Der Favorit vieler Kinder ist z.B. Kartoffelbrei-Stampfen, Gemüse raspeln wird auch gern gemacht, auch Verzieren mit Petersilie ...) Kochen& Kosten ist eine schöne, sinnliche Sache. Ziel sollte die Erkenntnis sein, dass Essen nicht Pflichtübung ist sondern Spaß. Dass es dabei auch um Geselligkeit geht („Wir essen alle zusammen am Tisch und erzählen dabei!“) Dass Essen eigentlich kein Gegenstand für Verhandlungen ist. Und dass Naschen kein Essen ist... Dem müsste Ihre Mutter zustimmen können, oder? Soll Oma doch also lieber mitdenken, wie diese Ziele zu erreichen sind, statt Ihre Ideen zu torpedieren!
Ärgerlich an der jetzigen Situation ist, dass die Süßigkeiten eine Art Belohnung darstellen: Sie sind selten und darum wertvoll und erstrebenswert für das Kind. An diesem Image sollte man etwas kratzen. Ihre Mutter mit ihrer Meinung, das Mädchen höre nach dem zehnten Kinderriegel von selbst wieder auf, hat schon irgendwo den wunden Punkt erfasst. Sie mahnt (wenn auch recht unbedarft) Gelassenheit an. Ständig verfügbare Naschereien können durchaus langweilig werden. Das Kind kriegt sie buchstäblich satt.
Sicher ist das aber nicht und ich hätte an Ihrer Stelle auch keine Lust, es auf einen Versuch ankommen zu lassen. Erklären Sie ihrer Mutter also kategorisch, dass Sie Ihrer Tochter solche „Zuckerschocks“ ersparen werden und möchten, dass sie sich ebenfalls daran hält. Egal, ob das Kind dick oder dünn ist, denn das hat damit nichts zu tun. Es verdirbt ihr ja nicht nur den Appetit, sondern auch den Geschmack. (Mal ganz abgesehen von Farbstoffen, Konservierungsmitteln etc.) Seien Sie ruhig drastisch. Würde sie es z.B. dem Haushund erlauben, eine Tüte Zucker zu fressen? Warum dann dem Kind?! Es bringt auch nichts, die „schönen Kalorien“ aus dem Zucker pushen es nur kurz hoch und machen zapplig und unkonzentriert.
Lenken Sie ansonsten die Aufmerksamkeit der Oma möglichst weg vom Essen, hin zu anderen „Problemen“, die ihre Aufmerksamkeit verlangen. Kennt das Kind schöne Lieder? Viele Tiere? Spielt es konzentriert, kann es sich Sachen merken und etwas erzählen... Dieses Ab- bzw. Umlenkungsmanöver funktioniert bei Omas und Opas gut, die gerne mitreden und gefragt werden wollen. Dann sollen sie es auf einem Feld tun, auf dem sie wirklich etwas ausrichten oder zumindest keinen Schaden anrichten können.
Eine brauchbare Taktik ist auch das Lockerlassen, wie überhaupt bei Verhandlungen. D.h., Sie geben ein wenig nach – und erleben eventuell, dass damit Ihrer Mutter der Wind aus den Segeln genommen ist. Sie verbeißt sich nicht mehr so in die leidigen Themen. Winken Sie dazu noch mit der Belohnung: Wenn mehr Vertrauen herrscht, wird Ihre Tochter länger bei Oma und Opa bleiben dürfen. Wenn Sie nichts zum Nachgeben haben, werfen Sie ev. eine kleine Gemeinheit in die Waagschale: Sie könnten z.B. nach jeder Zucker-Leckerei ein obligatorisches Zähneputzen einführen - und das von Oma durchführen bzw. kontrollieren lassen (in der Hardcore-Version kombiniert mit dem Kinderbuch über Familie Zahnteufel!). Das dürfte Oma u n d Tochter die Süßigkeiten etwas verleiden.
Attraktiv an den Süßigkeiten sind übrigens oft nur ihre Verpackungen. Packen Sie ev. Ihrer Tochter etwas interessanten Proviant in eine tolle „Geheimdose“. Z.B. getrocknete Kirschen, Apfelringe, Bananen, ein paar kandierte Mandeln oder so etwas. Mit Sicherheit wird das Neue, Ungewöhnliche spannender sein. Rücken Sie nur wenig davon raus, machen Sie es kostbar. Papa sollte anmelden, dass er es selbst gern hätte. Stricken Sie eine Legende drumherum. Z.B. Solches Naschen ist aus dem Märchenland...
Zum Verhalten des Kindes bei den Großeltern: Bewährt hat sich, dass diese in ihrem „Revier“ die Hoheit haben. Woher sollen Sie als Mutter wissen, ob/wie das Kind mit diesem oder jenem Gegenstand dort umgehen darf? Das können Oma und Opa dem Kind selbst sagen, ohne „Dolmetscher“ – und es wird das dann auch befolgen, gerade wenn es ein nettes, einsichtiges Kind ist wie das Ihre. Ich finde es richtig, dass Sie sich die Klagen über das Sofa und die Rückenschmerzen nicht zu Herzen nehmen! Sollen sie doch lernen, ihre Wünsche bei dem Kind durchzusetzen. Wenn Sie nicht dabei sind, müssen sie es schließlich auch tun. Rufen Sie Ihre Mutter, wenn Sie das Kind auf dem Sofa hopsen sehen – und verlassen Sie das Zimmer.
Da Sie, wie Sie schreiben, mit Ihren Eltern als Großeltern im Großen und Ganzen eigentlich zufrieden sind, möchte ich Ihnen raten, ihnen das auch immer mal zu sagen – direkt oder durch die Blume. Sie werden es gern hören und sich freuen. Danach kommen Sie mit Ihren Wünschen auch besser an, weil der (unterschwellig fast immer schwelende) Kampf um den Führungsanspruch entschärft ist. Es wird Ihnen allen besser gefallen, wenn sie miteinander Spaß haben, statt sich ständig über Zuckerzeug und Disziplin zu streiten. Und, ganz wichtig: Führen Sie mit ihren Eltern weiter normale Erwachsenengespräche wie früher! Die Gegenwart der Kinder verführt dazu, immer nur über diese zu reden. Gut tut ihnen das nicht.
Uta Alexander


