Meine Mutter sieht meine Familie als Partnerersatz

Mein Vater ist vor über 2 Jahren gestorben.... Ich bin 4 Wochen darauf schwanger geworden, was für uns alle ein Wunder war, denn es ist ein neues Leben in unsere Familie gekommen. Seit der Kleine 5 Monate alt ist, arbeite ich wieder für ein paar Stunden die Woche, wobei 2 mal meine Mutter den Vormittag übernimmt und 1x mein Mann. Bis vor einigen Monaten hat das alles ganz gut geklappt, aber dann sind wir in mein Elternhaus zurückgezogen. Anfangs fand ich das total super, so brauche ich den Kleinen nicht mehr herumfahren, sondern kann ihn einfach eine Tür weiter zu Oma geben, während ich arbeite.

Leider wurde das zum Problem: Meine Mutter schenkt ihre ganze Liebe unserem Sohn, es gibt für sie fast nichts mehr anderes. Der Kleine wollte schon ein paar Mal nicht mehr zu mir kommen, weil man bei Oma ja alles darf... Ich habe schon sehr oft geweint, weil mich diese ganz Situation so belastet. Meine Mutter tut ja so viel für uns, sie lässt uns in ihr großes Haus einziehen, schaut auch jederzeit auf unseren Schatz und doch... Ich bin seine Mama und ich will nicht, dass ihn seine Oma so in Beschlag nimmt - mir wegnimmt.

Ihr fällt vielleicht gar nicht mehr auf, dass sie über ihn redet, als wäre er ihr eigenes Kind. Ich hatte mit meiner Mutter immer ein super Verhältnis, aber mittlerweile hat sich das für mich geändert. Ich fühle mich schrecklich, da ich meine Mutter ja nicht verletzen will. Sie hat ihren geliebten Mann verloren und ist viel alleine. Seit wir im Haus sind, hat sich das natürlich geändert. Aberwir können nicht rund um die Uhr für sie da sein. Ein Enkelkind sollte doch auch nicht der Lebensinhalt seiner Oma sein? Was soll ich machen? (Ich würde ihn gerne in eine Kinderspielgruppe geben?) Paula S.

Liebe Paula,

Ihre Mutter kann Ihnen genauso dankbar sein wie Sie ihr. Mitten in der Trauerzeit kam wie vom Himmel gesandt das tröstende "kleine Wunder". Ihre Entscheidung, zu ihr zu ziehen, milderte die harte Umstellung auf ein Leben ohne Partner. Seien Sie froh, dass sie sich gegenseitig helfen können und lassen Sie sich durch Überlegungen über Dankbarkeit nicht den Kopf vernebeln.

Sie müssen nicht tolerieren, dass die Oma bei Ihrem Sohn die Hauptrolle übernimmt. Omas Hilfe verpflichtet Sie nicht, Ihre Autonomie aufzugeben und niemals mehr Nein zu sagen. Die Währung, in der Sie bezahlen, ist vielmehr "tätige Dankbarkeit": Ihrer Mutter wird Hilfe zurück gegeben, wenn sie sie braucht.

Noch ist sie offenbar stark, gesund und selbständig und durchdrungen von dem Gefühl, die Gebende zu sein. Mein Tipp: Verzichten Sie, wenn sie es mit Ihnen mal wieder zu gut meint. Lehnen Sie höflich und bestimmt ab und haben Sie keine Angst, Ihre Mutter zu verprellen. Ich finde ja sowieso, dass übertriebene Rücksicht und Mitleid viel kränkender sein können als Konfrontationen, denn sie machen den anderen klein und schwach.

Lassen Sie sich nicht für Bequemlichkeit kaufen. Riskieren Sie Auseinandersetzung, Ihre Mutter wird Sie dann auch mehr respektieren. Außerdem ahnt sie vielleicht gar nicht, was derzeit in Ihnen vorgeht. Sprechen Sie es aus: Ihre Mutter braucht Unternehmungen mit Gleichaltrigen. Sie brauchen omafreie Familienzeit. Reden Sie mit Ihrer Mutter, ehe es unerträglich wird und sie einander nicht mehr lieben können. Sie wird es mit dem Herzen vielleicht nicht verstehen, aber, wenn Sie Glück haben, mit dem Kopf. Die mit der ganzen Familie (d.h. mit Oma) verbrachte Zeit wird kostbarer sein, wenn sie etwas seltener ist.

Vielleicht können Sie Ihre Arbeit so organisieren, dass allen Beteiligten klar ist, was wann läuft, auch dem Kind. Kinder lieben gleichförmige Abläufe, weil sie sich innerlich darauf einstellen können, was kommt. Ihr kleiner Sohn wird weniger Zicken machen, wenn er keine Wahl hat. Ihre Mutter sollte wissen, wann für sie definitiv "Auszeit" ist und sie sich etwas Eigenes vornehmen könnte.

Kinderspielgruppe ist ein tolle Idee. Eigentlich brauchten Sie noch eine Oma-Spielgruppe!

Eins noch: Steigern Sie sich nicht in eine Eifersucht gegenüber Ihrer Mutter hinein. Denken Sie daran, was Sie und Ihr Mann alles können, was Oma nicht kann: Sie sind cleverer, schneller, einfallsreicher, technikorientierter, risikofreudiger, kämpferischer..., was auch immer, (inzwischen gibt es ja auch Großeltern, die auf der Technik-Strecke die Nase vorn haben...) Jetzt ist Ihr Sohn noch ziemlich klein, aber er wird bald Reibereien zu schätzen wissen mit standfesten Eltern, die ihm nicht so hörig sind wie die liebende Oma.

Dass sie da ist, ist wunderbar, aber sie sollte sich nicht zur Glucke entwickeln. Erinnern Sie sie daran, was an ihr wirklich toll ist. Die übersteigerte "Omahaftigkeit" ist vielleicht noch dem Verlust des Partners und der Rührung angesichts des Kleinen geschuldet... Reden Sie mit Ihrer Mutter auch nicht nur übers Kind. Sie sind zwei erwachsene, einander ebenbürtige Frauen, die zwei sehr nahe zusammengerückte Haushalte managen. Versuchen Sie, es so hinzukriegen, dass sich jeder wohlfühlt.

Viel Glück dabei, Uta Alexander

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Veröffentlicht am 10. Juni 2008. (1438 Tage alt) in Kummerkasten
 

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