Ist ein Familienurlaub den Stress wert?

Wir hatten Sohn und Schwiegertochter vor einiger Zeit einen Gutschein für einen gemeinsamen Urlaub mit uns geschenkt. Sie haben zwei Kinder (6 und 4) und sind etwas knapp mit Geld, obwohl beide arbeiten. Ich dachte, sie freuen sich bestimmt und es ist eine gute Gelegenheit, mal in Ruhe etwas länger zusammen zu sein. Das haben wir nämlich nicht oft, denn auch wir Großeltern sind noch berufstätig. Als ich jetzt aber fragte, wann wir verreisen wollen und wohin, stellte sich heraus, dass nur ich und die vierjährige Kleine so richtig Lust haben. Die anderen, allen voran meine Schwiegertochter und mein Mann, drucksten verdächtig herum und wollten die Sache möglichst weit hinausschieben. Beide haben Angst, dass es im Familienurlaub Stress geben wird, was mich sehr enttäuscht. Sollten wir lieber alles abblasen und Geld geben, damit die Kinder mit ihren Kindern alleine wegfahren? Bettina S.

Liebe Bettina,

nein, probieren Sie es trotzdem. Sonst finden Sie nie heraus, was sie einander zu bieten haben. Den Versuch ist es doch wert. Es wird später nicht besser, Sie entfernen sich nur immer weiter voneinander. Am Ende machen Sie nur noch Höflichkeitsbesuche und ärgern sich über verpasste Gelegenheiten, miteinander vertraut zu werden.

Die Enkelkinder sind jetzt in einem Alter, in dem sie neue Eindrücke aufsaugen wie ein Schwamm – und diese auch nicht vergessen. Ich würde an Ihrer Stelle diese Zeit nutzen! Übrigens: Gesunde Skepsis vor dem Familienurlaub finde ich besser als übertriebene Erwartungen.

Nehmen Sie jetzt einfach die Fäden in die Hand, schließlich war der gemeinsame Urlaub Ihre Idee. Jeder soll sagen, was er möchte und wovor er sich fürchtet. Ihr Mann z.B. hat ja mit seinem Gemaule schon den Anfang gemacht. Ich nehme an, er will von der Arbeit ausspannen, gemütlich faulenzen, und wäre gern mit Ihnen allein. Möglicherweise ist er ein Mensch, den schon die Störung gewohnter Abläufe aus dem Gleichgewicht bringt. Und dazu noch Ortswechsel und Kinderlärm! Klar, dass er da am liebsten kneifen würde.

Ihre Schwiegertochter wiederum möchte sich vielleicht ungern den Wünschen der „fremden“ Familie unterordnen und fürchtet sich davor, dass ihr Ehemann als braver Sohn vor allem den Wünschen seiner Eltern nachkommen wird. Das ist wirklich nicht gerade der Traumurlaub für eine junge Frau.

Mein Vorschlag wäre, Sie fahren für das erste Experiment nicht zu weit und nicht zu lange weg (Fernziele mit Klimaumstellung lohnen sich gerade für ältere Leute und Kinder nur mit viel Zeit. Sie müssen sich in Ruhe anpassen können, sonst bleibt der Erholungseffekt aus). Finden Sie einen Ort, dem alle etwas abgewinnen können. Dass dort alle heimlichen Wünsche wahr werden können, ist natürlich unwahrscheinlich. (Ihr Sohn wird z.B. seinen ersehnten Tauchkurs verschieben müssen. Es sei denn, alle fänden es OK, dass er für die Familie ein Drittel des Tages ausfällt und sehen ein, dass er ohne Beistand der Großeltern in nächster Zeit nie dazu käme.)

Sie müssen nicht einmal zusammen anreisen, wenn Sie z.B. das Gequengel ungeduldiger Kinder im Auto nicht ertragen und lieber im Zug sitzen. Es kommt drauf an, wie Sie gestrickt sind. Vielleicht gefällt es ihnen ja gerade, die Erwartungen der Kinder anzuheizen und schon die Fahrt zu einem Erlebnis zu machen. Man guckt sich die Landschaft an, spielt Spiele, erklärt die Landkarte, hört zusammen eine Märchenkassette... Möglichkeiten, so etwas zu planen und passendes „Reisespielzeug“ zusammenzutragen, gibt es viele.

Am wichtigsten sind rechtzeitige Recherchen über den Urlaubsort selbst. Welche Ausflugs- und Aktivitätenangebote gibt es? Wie ist die Wohnsituation? Bewährt hat sich in dieser Hinsicht eine gewisse Trennung, damit sich jemand auch mal zurückziehen kann. Das müssen nicht unbedingt jeweils die Paare sein. (Wobei ein Mittagschlaf für Eltern ein Geschenk sein kann!) Vielleicht wollen ja „die Männer“ mal etwas allein unternehmen. Oder Sie haben Lust auf eine Shopping-Tour oder einen Wellness-Tag mit Ihrer Schwiegertochter. Dass solche „wechselnden Allianzen“ möglich sind, ist ja gerade der Vorzug eines Urlaubs mit einer größeren (Familien)Gruppe.

Man muss sich nur vorher darüber verständigen, damit niemand sich ausgeschlossen und/oder als Babysitter missbraucht fühlt, wenn die anderen ohne ihn losziehen.

Übrigens brauchen auch Kinder Auszeiten. Sie wollen nicht immer von Erwachsenen „bespielt“ werden. Ihre Enkel hätten m.E. den meisten Grund zur Sorge vor einem Urlaub mit vier(!) Erziehungsbrechtigten. Ein stiller Nachmittag an einem lehmigen Bächlein mit einer ordentlichen Schippe in der Hand kann für die Geschwister der Inbegriff des Sommerglücks werden.

Planen Sie für die Woche zwei, drei gemeinsame Aktivitäten (z.B. Sonnenauf- oder untergang vom Berg aus gucken mit Picknick) und lassen Sie ansonsten Raum fürs Rumhängen, Reden und spontane Einfälle.

Gemeinschaftlichen Erfahrungen sind Familienzeit in 1-A-Qualität. Sie eröffnen neue Horizonte fürs Zusammensein. Wie man sich auf einer Wanderung verlaufen hat, wie man über giftige und nicht giftige Pilze stritt, wie man mit Kanister zur nächsten Tankstelle trabte oder die Enkelin zum Sprung vom Drei-Meter-Brett überredete ... das alles ist Stoff für kostbare Familienlegenden. Wenn Sie davon einiges zusammenkriegen, war Ihr Urlaubsscheck jeden Cent wert. Er birgt die Chance für jeden, etwas über sich selbst und seine Familie herauszufinden. Ein tolles Geschenk.

Ergreifen Sie die Gelegenheit, den Alltagstrott hinter sich zu lassen – und sorgen Sie dafür, dass im Urlaub Nein-Sagen erlaubt ist. Niemand sollte aus Höflichkeit etwas mitmachen müssen, was er hasst. Kinder (vor allem etwas ältere) wollen mitunter etwas gebettelt werden. Da hilft es, ihnen zu versichern, dass ohne sie alles keinen Spaß macht, ihre Anwesenheit also dringend erforderlich ist.

Mit ausreichender Kompromissbereitschaft aller Beteiligten kann eigentlich in Ihrem Familienurlaub wenig schief gehen. Und selbst das wäre nicht so schlimm, wenn man hinterher drüber redet - und lacht.

Uta Alexander

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Veröffentlicht am 31. März 2008. (1512 Tage alt) in Kummerkasten
 

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