Mein Enkel ist nicht schlecht erzogen, sondern krank. Geht das die Leute was an?

Mein Enkel, 5 Jahre alt, ist hyperaktiv. Er kann sehr lieb sein, aber er ist unglaublich anstrengend. Er macht, was ihm gerade einfällt, folgt nicht und ist sehr laut. Oft kommen wir mit ihm in peinliche und sogar gefährliche Situationen. Mit ihm essen gehen geht gar nicht. Auf dem Spielplatz rannte er einmal mit einem fremden Kinderwagen mit Baby drin davon, „damit das Baby Spaß hat“. Ein großer Junge rannte hinterher und konnte ihn zurückholen, ich mit 73 stand nur da und mein Herz raste. Die Mutter schrie und wollte meinen Enkel schlagen. Viele Leute, auch unsere Nachbarn, lassen ihn spüren, dass sie ihn nicht leiden können. Sie sagen nie seinen Namen, er ist nur „das unerzogene Kind“ oder „der unmögliche Junge“. Sollen wir allen sagen, dass er krank ist? Oder wäre es für den Jungen noch schlimmer, wenn er so abgestempelt ist und bemitleidet wird? Erika J.

Liebe Erika,

da Sie schreiben, dass das Kind krank ist, nehme ich an, dass bei Ihrem Enkel die Diagnose ADHS bereits gesichert ist. Menschen, mit denen er nie wieder zusammenkommt, müssen Sie das nicht auf die Nase binden. Schon gar nicht, wenn er dabei ist.

Mit den Nachbarn dagegen könnten Sie wirklich einmal in Ruhe unter vier Augen reden, vorausgesetzt, die Eltern sind einverstanden. Die Idee finde ich gut. Die Hausbewohner glauben ja offenbar, er sei schlecht erzogen und ahnen nicht, dass es eine Krankheit ist, die ihn so auffällig macht.

Es kann nichts schaden, dass sie erfahren, dass die Verhaltensstörung mit einem Mangel an Botenstoffen im Gehirn zusammenhängt und nicht mit der Unfähigkeit seiner Eltern. Details der Krankheit sind Nicht-Betroffenen meistens egal. Aber dass der Fünfjährige selbst bei gutem Willen sein Verhalten weniger unter Kontrolle hat als Gleichaltrige, sollten sie wissen. Wenn sie den Jungen nicht mehr einfach nur für böse, frech oder sogar dumm halten, werden sie ihm fairer und freundlicher begegnen. Das wär’s doch wert.

Reden Sie von den liebenswerten Seiten des Enkels, stellen Sie klar, dass Sie ihn immer vor Anfeindungen, Diskriminierung und Ausgrenzung schützen werden, auch wenn es nur böses Getuschel im Treppenhaus ist. Das ist ganz wichtig, denn ADHS-Kinder geraten häufig in einen Teufelskreis: Die Umgebung macht sie zu Außenseitern, die Kinder reagieren mit sinkendem Selbstwertgefühl. Manche werden destruktiv und aggressiv, andere traurig und wütend auf sich selbst. Sie fühlen sich als Versager. Immer weniger gelingt ihnen, immer weniger trauen sie sich zu.

Fest steht, dass man sie beinahe ständig unter Beobachtung haben muss. Überfürsorgliche Kontrolle und ein Leben „unter der Käseglocke“, bei dem sie sich nie erproben dürfen und nie mit den Reaktionen Fremder konfrontiert werden, ist andererseits auch nicht gut. Es ist eine Gratwanderung.

Wenn Ihr Enkel die Diagnose ADHS hat, gibt es sicher auch eine Therapie, die mit den Eltern abgestimmt ist. Je nach Ausprägung der Krankheit nimmt er vielleicht Medikamente. (Oft werden die aber auch erst gegeben, wenn die Kinder in die Schule kommen.) Muss Ihr Enkelkind sie auch einnehmen, wenn es bei Ihnen ist, ist es gut, sich mit der Wirkung, Dosierung usw. auszukennen. Lassen Sie sich von den Eltern alles genau erklären, um die Verantwortung übernehmen zu können.

Vielleicht bekommt Ihr Enkel eine psychische und pädagogische Begleitung und Betreuung. Wenn Sie für ihn wichtige Bezugspersonen sind, können Sie als Oma bei Gesprächen mit Therapeuten dabei sein. Das macht es leichter, sich in der Familie darüber abzustimmen, wie man grundsätzlich und auch in bestimmten Ausnahmesituationen mit dem Jungen umgeht.

Bekannt ist beispielsweise, dass in „pädagogischen Notfällen“ (Chaos in einer Gaststätte, Ärger auf dem Spielplatz, weil er stört oder sich vordrängt) Belehrungen und Ermahnungen nichts nützen. Die erregten Kinder nahmen diese gar nicht auf, Worte erreichen sie nicht mehr. Man kann sie nur beruhigen und von anderen Menschen abschirmen.

Gut zu wissen wäre auch, ob körperliche Betätigung ihren Enkel entspannt und welcher Art diese sein könnte. Als Großeltern mit einem hyperaktiven Kind eine Radtour zu machen oder schwimmen zu gehen, kann riskant sein. Testen Sie zusammen mit den Eltern, wie das Kind sich dabei verhält.

ADHS-Kinder sind natürlich nicht eines wie das andere. Die Eltern kennen ihren Sohn am besten. Deshalb wäre es gut, wenn Sie mit ihnen Abmachungen treffen, wie Sie am besten ihm umgehen. Kinder wie er stecken wechselndes Erziehungsverhalten nämlich nicht so gut weg wie gesunde. Sie brauchen klare Orientierungslinien für ihr Verhalten. Jede Reizüberflutung schadet.

Was die Nachbarn angeht: Ihr Sohn und die Schwiegertochter könnten auch selbst mit ihnen reden. Das übt schon mal. Wenn Ihr Enkel in die Kita geht bzw. in die Schule kommt, werden sie noch viel mit Erziehern und Lehrern sprechen und um Toleranz gegenüber ihrem schwierigen Kind bitten müssen. Man kann nur hoffen, dass diese kompetent und motiviert sind, Ihrem Enkel gerecht zu werden.

Uta Alexander

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Veröffentlicht am 21. April 2009. (1123 Tage alt) in Kummerkasten
 

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kussmann