Das Fremdeln hört nicht auf. Fürchtet sich mein Enkelkind vor mir?
Ich habe einen 14 Monate alten Enkelsohn von meiner Tochter. Da ich noch arbeite und weit weg wohne, sehe ich sie nur ein oder zweimal pro Monat. Gern möchte ich dann ihr und dem Schwiegersohn etwas Zeit für sich allein schenken, aber da gibt es ein riesiges Problem:
Sobald mein Enkel mit mir allein ist, fängt er an zu schreien. Mir scheint, er hat sogar Angst vor mir. Tröstungsversuche durch mich bewirken das Gegenteil. Er läßt sich nur unter großem Protest auf den Arm nehmen und schenkt mir nur in den seltensten Fällen ein Lächeln. Wenn ich mit dem Kind allein bin, ist es besser. Er lässt sich spazieren fahren und spielt sogar mit mir. Auch Opa wird angelacht. Sobald meine Tochter wiederkommt, geht das Weinen aber wieder los, als sei die Zeit mit uns ganz schlecht gewesen.
Diese offensichtliche Abneigung des Kindes macht mir schwer zu schaffen. Oft grüble ich, was die Gründe sein können und ob sie in der Vergangenheit liegen. Ich habe meine Kinder weitgehend allein groß gezogen, war mitunter gereizt, ungeduldig und ungerecht, was sie mir heute noch manchmal vorwerfen. Kann es sein, dass sich das jetzt wiederholt und das Enkelkind mich als Person innerlich ablehnt? Ich gebe mir viel Mühe und möchte alles richtig machen. Ich glaube allerdings auch, dass ich mit größeren Kindern besser umgehen kann als mit Babies...
Vielleicht wird es irgendwann von selbst besser, mein Partner sagt das auch. Ich bin trotzdem tief verunsichert, in die Freude auf das Wiedersehen mit Tochter und Enkel mischt sich immer Angst.
Kennen Sie ähnliche Fälle? Was könnte ich tun? Gerit M., Hamburg
Liebe Gerit,
Zwei Großmütter, die mir kürzlich schrieben, hatten Ähnliches erlebt wie Sie: Die Babys weinten meistens herzzrerreißend auf ihren Armen, so dass die jungen Mütter es nicht wagten, sie mit den Großeltern allein zu lassen. Wenn sie es doch taten, trafen sie bei der Rückkehr ein völlig verheultes, erschöpftes Kind an, - und eine demoralisierte, verzweifelte Oma. Was das bei allen Beteiligten für Gefühle auslöst, können Sie sich ja sehr gut vorstellen.
Die Schreiberinnen sahen aber keinen Mangel in ihrer Person, sondern glaubten einfach nur, sie seien zu selten bei dem Kind. Die Beziehungen zu den jungen Eltern waren aber so, dass häufigere Besuche nicht erwünscht waren.
Die Tipps zum Umgang mit diesem Fremdeln, das ein Zeichen ist für das erwachende Ich des Kindes und die (reife!) Fähigkeit, Trennungsängste zu empfinden, laufen, wo man auch nachfragt, auf Folgendes hinaus: Nicht beleidigt sein, nichts erzwingen wollen, abwarten, dem Kind unverdrossen Liebe zeigen (z.B. die abwehrenden, schlagenden Händchen kurz streicheln) - und sich danach rasch wieder zurückziehen. Fest steht: Dieses Fremdeln hält nicht an!
Ihr Enkelchen ist schon etwas älter, etwas mehr "Werbung" ist möglich. Sie haben ja leider nicht viel Zeit, aber vielleicht schaffen Sie es trotzdem, mit dem Enkelkind ein bißchen zu üben. Etwa so, daß die Mutter öfter mal kurz und später etwas länger den Raum verlässt, während Sie anwesend sind und das Kind spielt. Es sollte kein großes Aufhebens darum gemacht werden. Jetzt ist es ja so, dass der Kleine Ihr Erscheinen damit verbindet, dass Mama verschwindet, was ja auch stimmt. Das ist höchst unangenehm für ein Kind in diesem Alter. Es fürchtet, denke ich, nicht Sie, sondern vielmehr Mamas Weggehen. Beides sollte etwas entkoppelt werden. (Im Übrigen hat Ihr Partner recht, die Zeit tut auch viel. Ein selbstbewusstes Dreijähriges etwa wird glücklich sein, mit Oma und Opa etwas machen zu dürfen, was Mama nicht zu bieten hat.)
Während Mama weg ist, wäre etwas Action angebracht. Zum Beispiel könnte ein großer Pappkarton mit seltsamen Dingen ausgepackt werden. Den kann Mama ja noch hinstellen, mit geheimnisvoller Mine: Guckt mal da rein! (Meine Kinder liebten das sehr, ich packte einfach nur Haushaltsgegenstände hinein, eine Trillerpfeife, ein Schuhchen, ein dick verpacktes Stück Zwieback... Das Erstaunen und das Gelächter waren immer groß.) Oder der Teddy ist plötzlich weg, er hat sich versteckt und muss gesucht werden... Denken Sie sich etwas aus, singen Sie Liedchen mit einfachen Reimen... Nehmen Sie sich einen dicken Filzstift und malen eine Strichmännchen-Mama mit lachendem Gesicht und dem Kind bekannten Dingen in der Hand (Löffel, Blume, Computer... etc.)
Die einfachste Variante, mamalos Zeit zu überbrücken: gehen einfach raus und schieben dabei zielstrebig und energisch den Kinderwagen. Das vermittelt ein Gefühl freudiger Erwartung, Sie wirken aktiv und selbstbewusst. Kleine Kinder lieben starke Personen, bei ihnen fühlen sie sich offenbar sicherer als bei zögerlichen, verhuschten. (Übrigens ist das auch ein Trick beim Kinder-Beruhigen. Trotten Sie nicht trübsinnig mit dem Kind auf dem Arm durchs Zimmer und zeigen Mitleid. Eilen oder hüpfen Sie vielmehr begeistert zum Wasserhahn im Bad, zum Kühlschrank, wohin auch immer... Sie werden merken, wie wieder Spannung in den kleinen Körper kommt. Das Geheule klingt anders und verstummt sogar... Es ist etwas los!
Tun Sie also auf jeden Fall etwas Fröhliches, Überraschendes. Schaffen Sie kleine Rituale, auf die sich das Kind freut, z.B. in Ihrer Jackentasche etwas suchen + finden. Lassen Sie keinen Zweifel aufkommen, erst recht nicht bei sich selbst: Ihr Erscheinen ist ein Fest!Kleine Kinder sind glücklicherweise bestechlich. Schön wäre es, wenn die Mutter wiederkommt, wenn das Kind n i c h t weint und ruft, sondern intensiv beschäftigt ist. Um das Wiederkommmen ist auch kein großer Rummel nötig.
Tröstungsversuche, wenn Mama geht, könnten ein falsches Signal sein. Sie bedeuten ja für das Kind, daß etwas "passiert" ist. Und vielleicht sehen Sie währenddessen auch besorgt aus, - das ist für ein Kleinkind ziemlich "ansteckend". Die Botschaft ist: es ist schlimm, wenn Mama weg ist. Ist es aber nicht! Es ist normal, dass sie geht und kommt. Man kann etwas tun bis sie kommt, etwas vorbereiten, ihr zeigen - und dann freut sie sich.
Wenn Sie merken, dass das Kind nicht auf den Arm genommen werden will, probieren Sie es gar nicht, es wird sich nur mehr sträuben. Seien Sie in der Nähe, reden Sie oder lassen ein Kuscheltier reden, versuchen Sie, Neugier zu wecken. Wenn alles nichts hilft, rufen Sie auch laut nach Mama und gehen sie suchen... Rufen Sie sie per Handy an, geben Sie dem Kind den "Hörer" in die Hand. Jede Kriegslist ist erlaubt, die Zeit schindet. Natürlich darf man das Warten nicht überstrapazieren, Mama sollte schon wieder auftauchen, ehe die Nerven reißen. ... Was das Kind mit der Zeit verstehen sollte, ist: Mama kommt stets wieder. Oma ist kein Ersatz sind für Mama, sondern ein sehr begrüßenswertes, kostbares, seltenes Extra. Sehr beruhigend finde ich, dass Sie mit dem Enkel durchaus allein sein können, wenn die Mutter nicht in Reichweite ist. Das ist doch schon mal ein guter Ansatz!
Ich habe nicht den Eindruck, dass an Ihnen etwas auzusetzen sein könnte. Sie sind vielleicht ein eher nachdenklicher Mensch, aber dem Ton Ihres Schreibens nach offen und engagiert. Vielleicht werden Sie später die perfekte Vorlese-Oma sein, etwas ganz Tolles, mit einem Kind die Welt seiner Helden zu teilen!
Wenn Sie derzeit schon in der Vergangenheit stöbern, suchen Sie sich die hellen Momente, die hatten Sie mit Ihren Kindern ganz sicher. Falsch gemacht hat jeder etwas. Lassen Sie Ihre Tochter Vorwürfe ruhig aussprechen. Es ist ihre Sicht auf ihr eigenes Leben. Dass sie jetzt als junge Mutter damit kommt, ist normal, alle tun das, um ihre neue Rolle für sich selbst abzustecken. Für Sie ist es nützlich zu hören, denn dann können Sie besser verstehen, warum Ihre Tochter dies oder jenes so oder so macht. Sie wird bewußt manches anders machen wollen als sie es selbst erlebt hat. Stimmen Sie ihr einfach zu, das ist sehr entwaffnend. Sicher würden Sie heute auch manches anders machen. Wenn Sie sich heute wegen der Vergangenheit quälen, verfinstern Sie sich nur die Gegenwart. Das muss nun wirklich nicht sein.
Eventuell ist die "Action+Kriegslist-Taktik" für Ihr Enkelchen noch zu früh und es ist noch zu wenig nach außen orientiert und ablenkbar. Dann warten Sie einfach noch ab. Es wäre echt ein Wunder, wenn bei nur ein, zwei Tagen Zeit im Monat im Umgang mit einem Baby alles ganz einfach wäre! Machen Sie sich keine unnötigen Sorgen. Kosten Sie aus, was Ihr Oma-Status derzeit hergibt. Einfach nur ein kleines Kind (und das eigene erwachsene Kind dazu) beobachten zu können, ist doch schon ein Geschenk des Himmels!
Uta Alexander


