Unsere erwachsenen Kinder behandeln uns wie dumme Kinder
Wir sind Großeltern von einer kleinen süßen Enkelin. Wir hängen sehr an ihr. Sie nennt uns ihre Freunde. Aber jeder Besuch bringt Reibungspunkte mit unserem Sohn und seiner Ehepartnerin. Beide sind studierte Leute und behandeln uns wie dumme Kinder. Ein Gespräch kommt nicht auf, weil es kein Thema für sie gibt, worüber sie sich mit uns unterhalten wollen, weil wir ja nichts verstehen oder alles falsch sehen. Es gibt nichts, was uns verbindet, außer unserem Enkelkind. Wir sind ratlos und wissen nicht weiter.
Dora R.
Liebe Dora,
fast jeder macht mal eine Phase durch, in der ihm die eigenen Eltern „irgendwie peinlich“ sind und die Mütter und Väter der Freunde, verglichen mit ihnen, viel toller zu sein scheinen: weltgewandter, klüger, erfolgreicher, schöner ... Das ist ganz typisch für Teenager in der Pubertät.
Ihr Sohn hat diese Phase seiner Persönlichkeitsentwicklung offenbar noch nicht überwunden. Ich verstehe, dass diese fehlende menschliche Reife Sie sehr kränkt.
Mein Rat: Lassen Sie sich nicht abkanzeln. Manövrieren Sie sich nicht in die Beleidigten-Rolle hinein. Sie haben keinen Grund, sich mangelhaft zu fühlen. Immerhin haben Sie ja einen Akademiker hervorgebracht ...
Also, im Ernst: Akademische Titel sagen nichts über den Wert eines Menschen. Leider hält man das für einen abgedroschenen Alte-Leute-Spruch, - bis man mal in Krisenzeiten ausgerechnet bei jemandem Halt findet, der sich nicht vordergründig durch Bildung auszeichnet. Erst in der Not stellen sich eine gewisse Demut vor dem Leben und Respekt vor anderen Menschen ein, wer auch immer sie sind. Seine alternden Eltern zu demoralisieren ist jedenfalls armselig.
Wenn Sie also nun keine innere Verbindung mehr zu Ihrem eigenen Sohn empfinden - eines verbindet sie ja doch: das Kind, wie Sie selbst sagen. Fest steht: dem Mädchen ist es völlig egal, welche Zeugnisse Oma und Opa vorzuweisen haben. Für sie zählt Ihre liebevolle Zuwendung, auch wenn die nicht immer so aussieht, wie Ihr Sohn es vielleicht gern hätte.
Kinder machen sich ihr eigenes Bild von Menschen und haben einen feinen Instinkt dafür, wer ihnen gut tut. Wenn die Kleine Sie mag, haben Sie gewonnen. Ihr Sohn und Ihre Schwiegertochter sollten das akzeptieren und ihr Kind nicht von seinen Wurzeln abschneiden, indem sie Oma und Opa vergraulen. Machen Sie nicht den Fehler, sich zurückzuziehen!
Lassen Sie sich am besten gar nicht erst auf lange "akademische" Diskussionen mit Ihren erwachsenen Kindern ein. Versuchen Sie lieber, etwas miteinander zu tun. Möglichst etwas, wobei Sie sich wohl fühlen, etwas erleben und angeregt werden. Was Sie überrascht, erfreut und verjüngt. Manchmal schmort man ja vielleicht doch zu sehr im eigenen Saft und kocht nur Meinungen Dritter wieder auf - dann kann es schon passieren, dass man andere langweilt.
Überlegen Sie, was Ihre Stärken sind, was Sie besonders gut können, womit Sie sich besser auskennen als jemand Studiertes, und was Sie auch gern an Enkel weitergeben würden. Dann sind Sie in Ihrem Element, gewinnen an Respekt, - und Ihr Enkelchen erlebt Sie als fröhliche, tätige und ausgeglichene Menschen.
Noch eines: Reden Sie öfter mit Leuten im Alter ihres Sohnes, das sensibilisiert Sie für das Lebensgefühl dieser Generation. Sie werden erleben, dass das klappt und Spaß machen kann.
Uta Alexander
Diese Beiträge aus der Rubrik Kummerkasten im GrosselternReport könnten Sie auch interessieren:
- Meine Mutter nimmt mich als Mutter nicht ernst
- Schwiegermutter bietet niemals Hilfe an
- Ich möchte gern mein Enkelkind großziehen
- Verbünden sich Oma und Sohn gegen Mama?
- Streit mit der Tochter um Erziehung oder steckt mehr dahinter?
- Kittet ein Enkelkind die zerrüttete Mutter-Tochter-Beziehung?
- Baby akzeptiert mich nicht als Oma, weil es mich kaum kennt
- Mein Sonntagsessen ist der Schwiegertochter lästig
- Was tun bei Stress mit wilden Enkeln?


