Meine Mutter nimmt mich als Mutter nicht ernst
Mein Mann und ich sind seit zehn Jahren verheiratet (ich bin 31, er 38). Meine Eltern wohnen nur wenige Kilometer entfernt. Wir haben zwei Töchter, 2 1/2 Jahre und 2 1/2 Monate alt.
Meine ältere Tochter Lina ist einmal in der Woche bei meinen Eltern, ab und zu sind wir am Wochenende alle gemeinsam dort. Alles, was ich erziehungstechnisch verlange, wird entweder komplett ignoriert oder es wird stundenlang drüber diskutiert und ich werde für anscheinend unfähig hingestellt.
Nun gab es jetzt einen Riesenknall zwischen mir und meinen Eltern, weil ich es einfach satt habe, wie Luft behandelt zu werden, hier nur einige Beispiele:
Meine Tochter ist von je her ein schlechter Esser, das wissen wir, und gehen aber sehr locker und offen damit um. Sie ist von der körperlichen Entwicklung her absolut im Rahmen und braucht laut Kinderarzt eben nicht mehr. Sie meldet sich auch, wenn sie etwas möchte. Nun ist allerdings meine Mutter der Meinung, ICH wäre ja als Kind dicker gewesen und Lina MÜSSTE doch was essen, so rennt sie STÄNDIG mit Essen hinter ihr her, oder gibt ihr heimlich Süßes, obwohl ich beides untersagt habe, weil wir unsere Tochter nicht in eine Essstörung hineinbringen wollen: wenn sie nichts möchte, dann eben nicht. Meine Mutter bietet ihr trotzdem wirklich halbstündlich etwas an oder zerrt sie vor den Kühlschrank. Das Ende vom Lied ist: Wir haben mindestens drei Tage lang zuhause totale Probleme, bis Lina wieder normal isst, manchmal verweigert sie sogar das Essen.
Meine Tochter spielt sehr gerne für sich und kommt dann aber auch her und will, dass man mit ihr spielt. Ist sie bei meinen Eltern, wird vor dem Kind eine Riesenspielkiste ausgeschüttet, und sobald sich meine Tochter ein Spielzeug greift, wird ihr ein anderes in die Hand gedrückt. Sobald sie in ein Spiel vertieft ist, wird sie abgelenkt: Schau mal hier, bring doch mal die Puppe, komm doch mal her, sie ist total durcheinander teilweise, weil sie gar nicht mehr weiß, wo hinten und vorne ist.
Meine Tochter isst mit Löffel und Gabel alleine und trinkt gut aus dem Glas. Bei meiner Mutter wird sie gefüttert "weil sie ja soooooo viel besser isst", und der Becher und das Glas wird festgehalten beim Trinken. Sie wird auch ständig umhergetragen, überall drübergehoben, und alles, was sie alleine machen will, wird ihr aus der Hand genommen mit den Worten" komm, die Oma macht das". Wir machen es so, das Lina alles erstmal selber probieren darf.
Mein Vater raucht. Ich habe gepredigt und gepredigt, er solle doch bitte die Raucherei lassen, wenn meine Tochter zu Besuch ist. Nun erzählt mir meine Mutter, er würde dann auf den Balkon gehen zum Rauchen. Trotzdem riecht mein komplettes Kind nach einem Tag bei O+O extrem nach Rauch, so sehr, dass ich ALLES waschen muss. Anscheinend werde ich belogen.
Ich habe gebeten, meiner Tochter gegen Abend nichts Süßes mehr zu geben, und erklärt, warum: Sie dreht danach unheimlich auf und man bekommt sie zum Schlafen sehr schlecht wieder "runter". Trotzdem bekomme ich einmal die Woche ein total aufgedrehtes Kind wieder, was auf Nachfrage "von der Uroma" Schokolade oder Süßes bekommen hat. Ich soll mich doch nicht so anstellen, wegen ein bisschen Keks und Co. , heißt es. Lina könne Kalorien doch "vertragen".
Ich lese viel über Erziehung, werde aber nicht richtig ernst genommen. Wenn wir zu Besuch da sind, und ich etwas erzähle, was mich bewegt, wird nur mit halbem Ohr hingehört und mitten im Gespräch aufgestanden. Mein Vater schaut wie selbstverständlich Fernsehen, was ich sehr unhöflich finde, wenn Besuch da ist, auch wenns NUR die Kinder sind. Auch dass Lina nicht soviel fernsehen soll, wird irgnoriert. Also, wir kommen uns manchmal dort wie geduldet vor. Als ich meine Eltern mal wirklich brauchte und sie einlud, fuhren sie lieber zu meiner Schwester.
Jetzt habe ich , auf Deutsch gesagt, einfach die Nase voll gehabt und habe eine (so auch angekündigte, kurze!!!)Sperre verhängt, in der meine Große nicht zu Oma und Opa geht und wir auch erstmal dort nicht erscheinen. Ich will ihnen nicht die Enkel entziehen, sondern sie nur zum Nachdenken anregen. Nun ist meine Mutter am Boden zerstört und weint...
Handele ich wirklich so verkehrt? Irgendwo ist doch auch mal Schluß, wenn man mit Reden nicht weiterkommt. Ich weiß nicht, wie es jetzt weitergehen soll. Soll ich meine Mutter wieder anrufen? Oder lieber warten, bis sie anruft?
Geraldine K.
Liebe Geraldine,
nach eigenen Erfahrungen mit einer ziemlich schwer erziehbaren Mutter würde ich sagen, es ist eigentlich egal, wer nach dem Krach wieder den Anfang macht. In der ersten "heißen Phase" werden Sie und auch Ihre Eltern sicher zu stolz sein, sich zu melden. Nach einiger Zeit klingt alles ein wenig ab und jeder ist froh über eine Gelegenheit, die den Kontakt wieder herstellt, weil man sich im Unfrieden unwohl fühlt. Sie denken ja jetzt schon drüber nach, was ich ganz rührend finde.
Vertrauen Sie einfach Ihrem Bauchgefühl. Wenn Ihnen nach einer Weile so ist, Ihre Eltern anzurufen, tun Sie's einfach. Wenn nicht, lassen Sie es noch, bis sich ein passender Anlass bietet. Vielleicht ruft Ihre Mutter inzwischen an und dann werden Sie wohl kaum den Hörer hinknallen.
Entscheidend ist sowieso, was nach dem Friedens-Telefonat folgt. Sie wollen ja nicht, dass alles so weitergeht wie vorher. Aber das wird nach einer Anstandspause unweigerlich eintreten, weil Ihre Mutter Sie nicht genug respektiert.
Was Sie machen könnten: Denken Sie sich etwas aus, was das Zusammensein mit Ihren Eltern etwas lustvoller gestaltet. Und überlegen Sie, was Ihre wichtigsten Grundforderungen hinsichtlich des Umgangs mit den Kindern sind, die Sie unbedingt durchsetzen wollen.
Das Friedens-Telefonat sollte kurz sein. Botschaft: "Hab' Euch vermisst, lasst uns mit ein paar Änderungen neu anfangen." Keine Grundsatzdiskussion am Hörer! Schlagen Sie etwas vor, was sie beim folgenden Treffen miteinander machen könnten. Es sollte möglichst anders ablaufen als sonst immer.
Sie sind jetzt durch das Baby etwas eingeschränkt, aber vielleicht finden sich Aktivitäten, die abseits von Omas und Opas Wohnzimmertisch und Küche(!) spielen, und seien es nur gemeinsame Spaziergänge. Ententeich, Streichelzoo, Park, Spielplatz, Bahnhof, eine interessante Baustelle... Ziele gibt es überall. Dabei kann Ihr Vater auch in Ruhe paffen.
Die Idee ist: weniger reden, mehr gemeinsam tun. Denken Sie nach, welche Interessen bzw. Fähigkeiten Ihrer Eltern sich anbieten. Nur mal als Denkanstoß: Puppenhaus bauen, bemalen und einrichten, Kaspertheater für die Enkelin spielen, Aquarium anschaffen und Fische gucken, Kochen/Backen... Kommen Sie nicht einfach so zu Besuch, das ist vielleicht wirklich langweilig. Nehmen Sie sich für die gemeinsame Zeit etwas vor, auch mal nur zu dritt oder zu zweit. Es kann schlicht und ergreifend auch Hilfe im Haushalts-Alltag sein. Und wenn Sie nur alle zusammen mal Omas Kübelpflanzen umtopfen, Ihr Kind wird Spaß am Beobachten seiner Sippe haben.
Gedankenaustausch über Pädagogik können Sie, scheint mir, abschreiben, nachdem Vieles, was Sie schon gesagt haben, einfach verpufft ist. Machen Sie das lieber mit Ihren Freundinnen. Ihre Mutter scheint nicht wirklich interessiert zu sein.
Damit ist sie übrigens nicht allein. Mir haben schon mehrfach Großeltern ihr Leid geklagt: Nach der Geburt der Enkel gehe es endlos mit den jungen Eltern immer nur noch um "Kinder-Themen". Darüber wollten sie nicht mehr viel wissen. Sie glaubten, damit kennen sie sich bestens aus, schließlich haben sie ja ihre Kinder groß gekriegt. Diese Ignoranz und Sturheit der Alten hat sogar auch gute Seiten, manche "neumodischen" Erziehungs-Weisheiten, auf die junge Mütter standen, haben sich schließlich im Nachhinein als Schwachsinn erwiesen.
Jedenfalls: Erklärungen, warum Sie etwas wollen, dürften Sie sich inzwischen weitgehend sparen. Sie lösen damit ja doch nur Widerspruch aus. Sagen Sie alles einmal und stellen klar, dass Sie darüber erst wieder diskutieren werden, wenn sich Gebenheiten ändern, z.B. weil das Kind älter geworden ist.
Entwickeln Sie eine eine Frustrationstoleranz gegenüber Ihren Eltern, also ein dickeres Fell! Manches, was sie aus Ihrer Sicht falsch machen, können Sie einfach ignorieren. Es ist nicht Ihr Stil, aber egal. Manches erledigt sich von selbst, etwa das Füttern beim Essen oder das Einmischen ins Spiel... Letzteres wird sich ihr Kind bald nicht mehr gefallen lassen.
Listen Sie aber beim nächsten Treff doch nochmal die Streitpunkte auf: Essen, Selbständigkeit des Kindes, Fernsehen, Rauchen etc. Bei Nebensächlichkeiten können Sie Kompromisse eingehen. Bei Wichtigem aber bleiben Sie knallhart und diskutieren überhaupt nicht. So soll es sein, fertig. Stellen Sie klar, was passiert, wenn Ihre Regel verletzt wird (z.B. werden Sie, sobald Ihr Vater Ihrem Kind mit seiner Zigarette zu nahe kommt, sofort aufstehen und nach Hause fahren.)
Was das Kind - insbesondere aus gesundheitlichen Gründen - tun muss bzw. darf, liegt in Ihrer Verantwortung. Großeltern müssen sich an Ihre klaren Anweisungen halten. Wenn Sie hinsichtlich der Ernährung Tipps vom Kinderarzt bekommen haben, darf
niemand diese torpedieren.
Üben Sie, Ihre Eltern unmerklich zu lenken. Gut macht es sich z.B., etwas zu erlauben, statt etwas zu verbieten. Etwa statt: Keine Süßigkeiten abends!: Du darfst dem Kind noch Möhrenstifte und Apfelstücke geben, o.ä. Erwünschtes Verhalten stellt sich ein, wenn man es lobt, sobald es auftritt. Also loben Sie Ihre Mutter gelegentlich. Sie könnten ihr auch kleine Aufgaben stellen. Etwa, dem Kind ein Fingerspiel oder ein Kinderlied beizubringen. Das wird ihren Ehrgeiz anstacheln und ihrer Kreativität auf die Sprünge helfen.
Wie Sie sagen, ist der Grund für den Krach mit Ihren Eltern ja nicht vordergründig die eine oder andere Meinungsverschiedenheit zum Umgang mit dem Kind, sondern Ihre ständige Kränkung. Sie haben das Gefühl nicht ernst genommen zu werden, obwohl Sie längst erwachsen sind.
Ich weiß, dass man sich über ein Lob seiner Mutter auch als 30-jährige Frau noch sehr freut. Ihre Mutter scheint Ihnen das nicht zu gönnen, warum auch immer. Sie sind glücklicherweise inzwischen von ihr unabhängig. Sie können sich zurückziehen. Ich denke schon, dass Ihr Ausbruch, der für Ihre Mutter relativ unerwartet gekommen sein dürfte, etwas bewirkt. Sie wird nicht mehr riskieren, Ihre Anordnungen einfach zu ignorieren. Oder wird dabei wenigstens ein schlechtes Gewissen haben. Ist ja auch schon was, seine dominanten Eltern dazu zu bringen.
Was Ihre Eltern jetzt mit Ihrer Großen anstellen, ist, selbst wenn Sie es heimlich und unentdeckt weiter tun, zwar extrem ärgerlich, aber es wird dem Kind nicht auf Dauer schaden. Vertrauen Sie also auf sich selbst, Ihren Mann und Ihr Kind. Es wird sich nicht in etwas fügen, was ihm nicht passt, sondern quasi an Ihrer Stelle lautstark protestieren. Irgendwann könnten auch Oma und Opa mit ihrem Erziehungslatein am Ende sein und SIE um Rat fragen. Freuen Sie sich drauf! Übrigens: Als Conter für Kränkungen: Loben Sie schamlos andere, tolle Omas, die Sie kennen!
Uta Alexander
Tipp: Geben Sie Ihrer Mutter den Großeltern-Ratgeber "Das Glück einer besonderen Beziehung" von Helga Gürtler in die Hand. Es ist, aus der Perspektive einer erfahrenen Großmutter und Psychologin geschrieben, besonders einfühlsam, lebensnah und humorvoll und leicht zu lesen. Vielleicht findet sie sich darin wieder und lernt dazu.



