Erwachsene Enkel erinnern sich an ihre Großeltern

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Wer das Glück hatte, seine Großeltern zu erleben, verbindet mit ihnen lebhafte Erinnerungen. Mal fröhliche, mal traurige. In Autobiografien berühmter Leute tauchen diese oft auf. (sh. unsere Rubrik "Prominente") GroßelternReport sammelt aber auch Erinnerungen von Leuten wie du und ich. Schicken Sie uns Ihre Geschichten über Oma oder Opa. Wir freuen uns sehr über alte Fotos, auch auf Papier. (Selbstverständlich schicken wir sie zurück!) Hier kommen Oma/Opa-Geschichten unserer Leser:

Tobias, 74, aus München: "Ich durfte Max Schmelings wichtigsten Kampf live am Radio mithören"

Tobias

(Tobias mit seiner Oma, die er noch heute Omali nennt. Foto: privat)

Meine früheste Kindheitserinnerung geht auf meine Großeltern mütterlicherseits zurück. Sie hatten eine kleine Brauerei mit Gastwirtschaft in Rodach bei Coburg, und wir waren oft dort im Urlaub.

Fred 6 Jahre

(Tobias im Alter von 6 Jahren. Foto: privat)

Wie heute erinnere ich mich an die Nacht, in der ich den Kampf von Max Schmeling gegen Joe Louis am Radio mithören durfte. Das war 1936, ich war vier Jahre alt. Das Gerät hatte sehr viele Stecker, um von Kopfhörer auf Lautsprecher umzustellen. Dass jemand überhaupt so ein Radio hatte, war eine Rarität. Die Volksempfänger kamen erst später.

Die Gastwirtschaft war voll. Ich, der Kronprinz, saß auf dem Billardtisch. Die Übertragung hörte sich an als käme sie aus dem Weltall. Die Stimme, von häufigen Störungen unterbrochen, kam aber aus Amerika. Mit einer Radioübertragung von heute ist das nicht zu vergleichen.

Ich glaube, der Kampf ging über 12 Runden. Schmeling hat gewonnen. Beim nächsten Kampf ging er KO, aber da habe ich mich schon nicht mehr fürs Boxen interessiert. Die Nacht auf dem Billardtisch aber bleibt mir im Gedächtnis. Es ist eine so gravierende Erinnerung, dass ich mein eigenes Bild vor mir sehe.

Dabei trank ich übrigens meine erste Coca Cola aus einer schweren Flasche, die wohl etwas taillierter war als heute. Meine unvergessliche Omali hat sie mir gegeben. Sie war ein Prachtstück von Frau. Ich liebte sie heiß und innig, weil sie auch mal Blödsinn mit mir machte. Wenn ich selbst mal Kinder habe, dachte ich, will ich auch so sein.

fred 50

(Tobias bei der Arbeit. Foto: privat)

Martina Herrmann-Petzold, 38, aus Hamburg: "Stürmische Butterfahrt mit Omchen"

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(Immer gnadenlos elegant. Oma Emilie vor der Skyline von New York. Foto: privat)

Ich erinnere mich gut an die Zeit, als es zum ersten Mal im Fernsehen Werbung für Binden und Tampons gab. Die Oma meiner Freundin war total schockiert: Solche Intimitäten gehören doch nicht an die Öffentlichkeit! Meine Oma dagegen hielt das für völlig normal, schließlich benötigen doch alle Frauen diese Artikel.

Dass Oma nicht in eingefahrenen Bahnen dachte, nahm mir die Angst, ihr von meiner Freundin zu erzählen, die sie bereits kennen gelernt hatte. Ich stammelte herum und druckste, und wollte ihr sagen, dass ich mich in eine Frau verliebt hatte, konnte es aber trotz unseres wirklich guten Verhältnisses nicht über die Lippen bringen. Meine Oma kam mir zuvor und sagte ganz trocken: " Deine Freundin ist mehr als nur Deine Freundin, das weiß ich schon lange. Da ist doch nichts dabei, ich mag sie sehr.“ Mir fiel eine Last vom Herzen.

Von da an hatte auch meine Freundin ein vertrautes Verhältnis zu meiner Oma. Weil Oma schlecht sehen konnte, las sie ihr aus der Zeitung vor und wir unternahmen sehr viel gemeinsam. Meiner Oma war es einfach wichtig, dass ich glücklich bin, ganz egal, was andere dachten und noch immer denken.

Irgendwann musste Oma der Bronchien wegen aus der Großstadt Berlin an die See umziehen. Sie ließ sich in Eckernförde nieder. Es war nicht weit zum Hafen und dort gab es so genannte Butterfahrten, die ca. eine Stunde dauerten. Zollfreier Einkauf von Zigaretten, Butter und Schokolade, verbunden mit frischer Luft und einem günstigen Mittagstisch. Das nutzten hauptsächlich Rentner und Sparfüchse, also wir beide.

Emilie Voss und Martina

(Martina Herrmann auf hoher See mit ihrer Großmutter Emilie Voss. Foto: privat)

Einmal wurde es unterwegs plötzlich stürmisch und wir hatten furchtbaren Wellengang. Meine Oma und ich hatten unsere Einkäufe längst erledigt, setzten uns an einen Tisch und bestellten Erbsensuppe. Wir saßen nur drei Tische von den Toiletten entfernt und jeder, der nicht so seefest war wie wir, und das war fast der gesamte Rest der Mitreisenden, brauchte nur auf unser Essen zu achten, und schon lief er im Eiltempo auf die sanitären Anlagen zu. Meine Oma und ich ließen uns dadurch den Appetit nicht verderben und hatten unseren Spaß an den Gesichtern, die genauso grün waren wie die Erbsensuppe.

Merkwürdig, dass ich mich lebhaft an viele solcher „stürmischen“ Momente mit meiner Oma erinnere, aber kaum an konventionelle Feste wie Weihnachten oder Geburtstage und sogar an ihre Beerdigung.

Meine Oma Emilie Voss war 1920 geboren und wurde 80 Jahre alt. Im Herzen ist sie stets jung geblieben, - und vielleicht habe ich etwas dazu beigetragen. Ich konnte mit Oma lachen, lästern und albern sein als wäre sie auch ein Teenager. Sie beantwortete mir aber auch bereitwillig und vor allem ehrlich Fragen zu jedem Thema. Sie war eine der so genannten Trümmerfrauen und Nazizeit und Krieg waren nicht spurlos an ihr vorbei gegangen.

Ich hoffe nur, dass sie an dem Ort, wo sie sich jetzt befindet, ihr Augenlicht wieder bekommen hat und vielleicht ab und an einen Blick auf mich werfen kann.

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Veröffentlicht am 12. März 2010. (694 Tage alt) in Vorgestellt
 

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kussmann