"Wir haben nichts mehr zu verlieren. Wir haben schon alles verloren."

Meine liebe Oma. (Kinderzeichnung: privat)
Vor genau einem Jahr erschien hier ein Interview mit Doris Heinze, 52. Sie hatte die Kinder ihrer drogenabhängigen Tochter sieben Monate lang in Pflege. Bis sie innerhalb von zwei Tagen aufgrund einer Anordnung vom Jugendamt zum Vater ziehen mussten, den sie kaum kannten. Seitdem kämpfen die Großeltern um ein Umgangsrecht. GrosselternReport fragte jetzt, was daraus wurde. Die tragischen Kinderschicksale, die in den vergangenen Monaten publik wurden, werfen ein neues Licht auf diesen Fall.
(Das erste Gespräch "Plötzlich war die Verbindung unterbrochen" lesen Sie hier.)
(Warum Umgangsrecht für Großeltern nicht selbstverständlich ist: hier)
GrosselternReport: Haben Sie inzwischen wieder Kontakt mit Ihren Enkelkindern?
Doris Heinze: Nein. Seit zweieinhalb Jahren haben wir sie nicht mehr gesehen. Die Situation spitzt sich weiter zu. Gerade ist unser zweiter Antrag auf Umgangsrecht vom Familiengericht abgeschmettert worden. Ohne jede Anhörung. Der Richter stellte klar, jeder weitere Antrag von uns sei von vornherein vergebens. Das habe ich sogar schriftlich.
GR: Wie begründet er das?
Doris Heinze: Es sei der Wille des Vaters. Ich frage mich, was der Wille der Kinder zählt. Der kleine Junge wird uns längst vergessen haben. Er war ein dreiviertel Jahre alt als er bei uns lebte, jetzt ist er vier. Aber unsere große Enkeltochter will uns sehr wohl sehen, das weiß ich.
GR: Woher?
Doris Heinze: Einmal rutschte einer Mitarbeiterin des Jugendamtes dieser Satz heraus. Und es gibt noch immer diese anonyme Anruferin, die mir manchmal von den Enkeln erzählt. Daher weiß ich, dass der Kleine nicht altersgerecht entwickelt ist, etwa mit seinen vier Jahren kaum spricht. Oder dass die Große einen trostlosen Geburtstag hatte, zu dem niemand eingeladen war... Nach außen hin ist alles in Ordnung. Scheinbar. Denn Spielen, Spaß und Zärtlichkeiten kommen im Alltag nicht vor. Die Unbekannte hat sogar ans Gericht geschrieben, wie schlecht die Kinder dran sind. Aber dort unterstellt man, wir hätten das inszeniert.
GR: Die Schreiberin müsste sich outen...
Doris Heinze: Ich wünschte es, aber ich kann sie nur bitten. Und die Gründe, warum sie es nicht tut, erahnen. Es ist kein Geheimnis, dass unsere Tochter ein Drogenproblem hatte. Ich fürchte, damit ist es nicht vorbei, auch nicht in ihrem Umfeld. Mehr will ich dazu nicht sagen, ich kann ja nichts beweisen. Zwischen uns herrscht jedenfalls Funkstille. Ich erfuhr z.B. nur vom Gericht, dass sie inzwischen geschieden ist.
GR: Aber Ihre Tochter hat noch das Sorgerecht?
Doris Heinze: Ja. Einmal nahm sie unverhofft Kontakt auf zu ihrer besten Freundin, die wir gut kennen. Sie ließ uns wissen, unsere Tochter habe nichts dagegen, dass die Enkel uns treffen, kann sich aber nicht durchsetzen. Ich denke, ihr Ex-Mann setzt sie unter Druck, womit auch immer. Auch die Freundin hat er nach dem Vorfall sofort kalt gestellt. Es gab nie wieder Telefonate zwischen ihr und unserer Tochter. Das alles macht mir Angst.
GR: Im Fall der fünfjährigen Lea-Sophie in Schwerin, die bei ihren Eltern verhungerte, kamen von den Großeltern lange vorher mehrfach Hilferufe. Man ignorierte sie. Könnte es sein, dass Jugendämter jetzt doch hellhöriger werden?
Doris Heinze: Uns gegenüber nicht. Die zuständige Sachbearbeiterin lässt sich verleugnen. Die Grundhaltung bleibt: Besser ein schlechtes Elternhaus als gar keines. Man will es sich „im Interesse des Kindeswohls“ mit den Eltern nicht verderben. Der Rest der Familie ist nur lästig. Wie kurzsichtig! Um es nochmal klar zu sagen: Wir wollen die Kinder niemandem wegnehmen, sondern sie nur regelmäßig sehen. Sie sind unsere einzigen Enkelkinder.
GR: Sie haben kein Vertrauen mehr in die staatlichen Hilfs-Institutionen?
Doris Heinze: Wie auch. Kinder verwahrlosen mitten in Deutschland körperlich und seelisch, verhungern, werden tot gefunden, misshandelt... Alle reden plötzlich viel. Von vorbeugenden Pflichtbesuchen beim Arzt, Notruf-Hotlines und so weiter. Mal angenommen, so etwas kommt, - was bringt es am Ende? Angekündigte (!) Besuche vom Jugendamt. Die Mitarbeiter lassen sich so leicht abwimmeln, belügen und vertrösten.
GR: In Einzelfällen, heißt es ....
Doris Heinze: Ich erlebte es bereits im Fall meiner eigenen Tochter. Auch sie stand wegen ihrer Sucht unter Aufsicht des Jugendamtes als ihr erstes Kind geboren wurde. Man fragte sie, wo das Baby sei. Bei meinen Eltern, sagte sie, es geht ihm gut. Niemand kontrollierte, ob das stimmt. Der Fall war abgehakt.
GR: Was ist Ihre größte Sorge?
Doris Heinze: Dass der schwere Lebensweg unserer Enkel vorgezeichnet ist, unweigerlich. Wenn Kindern was passiert schreien sofort alle: Wo war das Umfeld!? ... Bitte: Hier! Hier ist die Familie, die Rückhalt bieten will. Und kann. Drei tolle Onkel, die unsere Enkeltochter heiß und innig liebte. Einer davon, auf Wunsch der Mutter, ihr Taufpate. Zählt das alles nichts? Wir waren zur Stelle, als wir gebraucht wurden, niemand sonst. Jetzt sind uns die Hände gebunden. Wer maßt sich an, die Kontaktsperre für immer durchzusetzen?! Die Anwälte sagen, wir sollten Geduld haben. Aber die Zeit der Großeltern ist begrenzt.
GR: Worauf hoffen Sie noch?
Doris Heinze: Wir haben beim Oberlandesgericht Beschwerde eingelegt. Wir hoffen, dass die durchkommt und man uns doch Umgangsrecht zubilligt. Dann dürften wir wenigstens mal zu den Kindern fahren oder sie in den Ferien einladen, damit der Vater mal ausspannen kann. Das braucht er doch vielleicht auch. Aber all das ist uns jetzt verboten. Wer maßt da sich, an, so über uns zu bestimmen!
GR: Und wenn es nicht klappt? Geben Sie auf?
Doris Heinze: Nein. Wir werden nichts unversucht lassen. Gibt es auf dem Rechtsweg keine Möglichkeiten mehr gibt, den Vater zum Einlenken zu bringen, wollen wir mit Namen und Adresse an die Öffentlichkeit gehen. Wir haben nichts mehr zu verlieren, denn wir haben schon alles verloren.
GR: Wie ist Ihnen jetzt, zur Weihnachtszeit, ums Herz?
Doris Heinze: Wie soll ich das sagen? ... Ich kann nicht nachvollziehen, warum man uns das antut. Ich will es auch nicht. Die ganze Familie leidet. Auf dem Weihnachtsmarkt sehen wir zum Beispiel Kleinigkeiten und denken, damit könnte man sicher der Großen eine Freude machen... Aber seit Pakete ungeöffnet zurückkamen, schicke ich nur noch Karten. Wer weiß, ob der Vater sie vorliest. Die Kinder können nicht lesen. Ich bewahre all meine Post an sie mit Datum als Kopie auf. Ich zahle zu jedem Fest und zu jedem Geburtstag Geld für die Enkel ein. Ich sage mir: Wenn sie die Sparbücher später mal kriegen, sehen sie wenigstens, Oma und Opa haben immer an sie gedacht.
(Die Namen sind der Redaktion bekannt. Mit Rücksicht auf die laufenden Verfahren wurden sie hier geändert.)
Die ZEIT zu Kinderschutz, Jugendhilfe und Umgang mit Problemfamilien


