Wie kann ich meinen Enkel von seinen zerstrittenen Eltern wegholen?
Mein Enkel ist zwei Jahre alt. Mein Sohn ist mit der Mutter nicht verheiratet. Es lebt auch noch ein 9-jähriger Junge aus einer früheren Beziehung in der Gemeinschaft. Die Beziehung ist stark durch Schulden belastet. Die Mutter plant nun, sich von meinem Sohn zu trennen (was ich verstehen kann). Sie möchte, daß der Große zu seinem Vater geht und mein Sohn oder wir als Großeltern den Kleinen nehmen. Sie will versuchen, durch Arbeit ihre Schulden abzubauen. Mein Sohn weiß noch nichts von dem Plan. Bei seiner Lebenseinstellung kann er aber den Kleinen nicht versorgen. Wer kann uns raten? Für den Jungen wäre es von absolutem Vorteil, endlich da raus zu kommen. Aber was gilt es alles zu beachten und was wird mit uns?
Dagmar S.
Liebe Frau S.,
schon dass Sie überlegen, das Kind zu nehmen, verdient großen Respekt. Sie könnten dem Jungen bieten, was er offenbar derzeit nicht hat, aber dringend braucht, um gesund aufzuwachsen: geregelten Alltag, gesundes Essen, stabile, lebenstüchtige Ansprechpartner. Manchem Kind in schwierigen Verhältnissen, von dem man in letzter Zeit las, hätte ich gewünscht, dass da eine Oma kommt und es auf die sichere Seite holt. Es wäre allerdings eine Entscheidung von großer Tragweite, Ihr Leben würde sich völlig verändern.
Grundsätzlich kommt Folgendes infrage:
Die Kindesmutter beantragt beim Jugendamt eine Vollzeitpflege des Kindes durch eine Pflegefamilie. (Dazu muss sie nachweisen, dass sie in einer Notsituation ist.) Sie hat ein Mitspracherecht, welche Familie das sein soll. Die Großeltern, also Sie, kommen dabei durchaus in Betracht, allerdings würde das Amt vorher Ihre Eignung prüfen.
Die Pflegefamilie, in dem Fall Sie als Großeltern, könnten vom Jugendamt Pflegegeld erhalten. Die Eltern müssten sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten daran beteiligen, auch das Kindergeld und der Unterhalt des Vaters steht der Pflegefamilie zu. Die Mutter behält das Sorgerecht für das Kind und entscheidet über Grundsätzliches.
Wenden Sie sich gemeinsam mit der Mutter Ihres Enkels an das zuständige Jugendamt. Lassen Sie sich beraten, wie eine zeitlich befristete Vollzeitpflege im konkreten Fall am besten gestaltet werden kann. Jedes Detail ist wichtig: Wie soll der Kontakt mit der Mutter und dem Bruder aufrecht erhalten werden, wie bzw. wo werden Besuche, Wochenenden, Ferien verbracht. Was passiert, wenn Abmachungen nicht eingehalten werden...
Die Mutter braucht sicher einige Zeit, um ihre Lebensumstände wieder zu ordnen. Aber es sollte unbedingt eine Frist gesetzt werden, für wie lange Sie sich um den Enkel kümmern. (Ein Jahr? Bis zum Besuch einer Kita? Bis zur Schule?...)
Denn die Sache ist natürlich nicht einfach, selbst "ein Blinder mit dem Krückstock" kann einen Berg von Problemen sehen. Neben Konflikten wegen Erziehungs-, Alltags- und Geldfragen sehe ich vor allem dieses: Je länger das Kind bei Ihnen lebt, desto schwieriger wird der Weg zurück. Wenn Die Mutter sich nicht zuverlässig kümmert - und bei einem Zweijährigen wären relativ viele Besuche und Kontakte nötig, damit er sie nicht vergisst- , wird sie ihrem Sohn entfremdet. Wieder zu Mama zu müssen, könnte dann ein ziemlicher Schock für das Kind werden.
Soll der Junge nach Meinung der Mutter überhaupt zurück oder will sie ihn für immer abgeben? Ihrem Brief kann ich das leider nicht entnehmen. Vielleicht wollen Sie ja selbst den Enkel bis zur Volljährigkeit aufzuziehen. Ich an Ihrer Stelle würde das, offen gesagt, lieber vermeiden. Selbst wenn Sie noch relativ jung und rüstig sind, - es kostet wahnsinnig viel Kraft, im Oma/ Opa-Alter noch einmal Elternpflichten zu übernehmen.
Natürlich bekommt man von einem Kind auch viel zurück und Sie wären näher am "Puls der Zeit" als viele Gleichaltrige. Aber Sie müssten mit Sicherheit auf Vieles verzichten, worauf Sie sich gefreut haben als Sie ans Älterwerden dachten. Sie stellen ja in Ihrer Mail schon selbst die besorgte Frage: "Was wird mit uns?"
Zwingen Sie sich also nicht, anstelle Ihres Sohnes aus Pflicht- und Ehrgefühl oder auch aus Mitleid mit dem Kind die volle Verwantwortung für den Enkel zu übernehmen. Lassen Sie sich beim Jugendamt beraten, was es an Alternativen gäbe. Notfalls sogar, falls die Mutter sich innerlich schon von ihrem Kind verabschiedet hat, eine andere Pflegefamilie. Es durchaus möglich, dass diese Sie gern als das "verwendet", was Sie sind, nämlich als Großeltern.
Ehe Sie sich überhaupt auf den Weg zu Ämtern machen, nehmen Sie das Kind einmal für einen Monat zu sich. Das dürfte ohne Formalitäten möglich sein. Danach werden Sie wissen, ob Sie mit dem Zweijährigen leben könnten und wie verlässlich die Kindesmutter funktioniert. Wenn die Antwort Nein heißt, sollten Sie sich keine Vorwürfe machen. Wichtig ist, dass Sie überhaupt ein Auge auf das Enkelkind haben und dass Sie seine Mutter nicht im Stich lassen wollen. Was genau sie braucht, wird sich zeigen, wenn sie tatsächlich arbeitet. Es muss ja vielleicht nicht Ihr Dauereinsatz sein.
Zögern Sie nicht, weitere Auskünfte einzuholen. Mit Jugendämtern kann man auch viel Pech haben. Man riskiert eine Einmischung von oben herab, gegen die man sich nur schwer wehren kann. Könnten Sie beispielsweise alle Umgangs- und Geldsachen mit der Mutter Ihres Enkels selbst klären, wäre, denke ich, gar kein Amt nötig, das die Sache beaufsichtigt. Schauen Sie in Ihr örtliches Telefonbuch: Verschiedene Träger bieten bundesweit Familienberatung an, auch anonym und telefonisch.
Uta Alexander
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