Angewandte Psychologie

„Marc hat 20 Euro gekriegt“, verkündete Anton gestern. „Von seinem Opa. Für Weihnachtsmarkt.“

„Fünf, wenn überhaupt“, korrigierte Wiebke hastig und warf ihrem Bruder strafende Blicke zu. „Mehr ist nicht drin bei dem Geizknochen.“

Betteln ist angewandte Psychologie. Ich muss schon sagen, Wiebke hat’s drauf.

Mit einem Zehner für jeden bist du gut dabei, dürfte ihre Ansage im Klartext lauten. Das ist auch ein realistisches Zahlungsziel. Knapp unter meiner Schmerzgrenze.

Ich grabbelte nach meinem Portemonnaie. Marcs Opa! Zwanzig! Hätt’ ich sowieso nicht geglaubt. Der stockt doch lieber seine Sterbe-Versicherung auf, wenn er Geld übrig hat.

Gerade hatten die Kinder ihre Scheine verstaut, da kreuzte Brigitte auf. „Wisst ihr was“, rief sie munter. „Ich leg noch was drauf und wir gehen schön alle zusammen auf den Weihnachtsmarkt!“

Herr im Himmel! Ich hatte mich doch gerade freigekauft. Muss ich jetzt zugucken, wie sich Wiebke von Langzeitstudenten in roten Bommelmützen knutschen lässt? Oder, noch schlimmer, Anton? Ihm nach dem Kettenkarussel die Kotztüte halten? Biodiesel aus Glühweinpötten in meine Leber schütten? Erzgebirgs-Räuchermännchen aus Taiwan und Plastik-Glaskugeln ramschen? Geisterbahn hab ich sowieso zuhause. Gegenüber hat ein Öko-Klamottenladen für Übergrößen aufgemacht.

„Ab 60 gibt’s Seniorenrabatt aufs Riesenrad, Opi“, lockte Wiebke. „50 Prozent!“

„Ha!“, schrie Brigitte triumphierend. „Ich komm noch für den vollen Preis rein.“

Irgendwie hat sie früher mehr Takt gehabtt.

„OK.“, sagte ich kalt. „Ab auf den Rummel. Du fährst einmal, ich zweimal.“ Auch Ehe ist angewandte Psychologie.

Veröffentlicht am 11. Dezember 2007. (1516 Tage alt) in Kussmann
 

„Stimmts, Opa“, sagte Anton gestern dicht an meinem Ohr, „das Leben ist ungerecht.“ „Und gefährlich, Alter!“, ranzte ich ihn wütend an. Der Kerl hatte mich aus dem schönsten Schlummer geschreckt.

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