Der Doktor braucht ein Heim

Der_doktor_braucht
Das Titelfoto: "Duplizität der Vergreisnisse". Viele Menschen in dieser Erzählung sind aus der Sicht des Alzheimer-Kranken zugleich sie selbst und jemand anders.

Er ist 90 und geht jeden Tag in sein altes Labor an der Universität, denn „sonst würden die Assistentinnen nur faulenzen.“ Anschließend besucht er ein „angenehmes sauberes Lokal mit ausgezeichnetem Apfelstrudel“, auf dessen Servietten McDonald’s steht und dessen Plastikgabeln und Pappteller er zuhause weiter benutzt. Dort hortet er auch das Toilettenpapier aus der Akademie.

Der betagte Nobelpreisträger für Chemie bringt Stationen und Zeiten seines Lebens durcheinander. Er verwechselt Angehörige. Die Frau mit sanften Händen und vielen Runzeln etwa, deren Gesicht oft nass ist von Tränen, hält er für seine Nachbarin. Sie behauptet, sie sei seine Tochter. Doch wer soll dann ihre Mutter sein? In Wahrheit ist sie wohl eine Diebin, denn sie hat das ganze Besteck verschwinden lassen... Dass Schwester Zescha lange tot sein soll, wo sie doch täglich um ihn ist, Rat gibt und kommentiert, kann hingegen nur eine boshafte Lüge sein.

Irene Dische schrieb die Erzählung über den alten alzheimerkranken Mann, der schließlich für sich selbst und andere zur Gefahr wird, aus dessen eigener Perspektive. Für ihn ist nichts unlogisch, was er denkt und tut, auch nicht das Aufdrehen des Gasherdes "ohne anzuzünden". Verwirrt und seltsam sind die anderen.

Auf knapp 50 Seiten entrollt sich zugleich die ganze lange Lebensgeschichte eines Mannes, der in seinem Fach erfolgreich, menschlich jedoch manchmal ignorant und schwach war. Beim Lesen drängt sich der Gedanke auf: Alzheimer schützt ihn vor seinem Gewissen...

U.A.

Buch anschauen/kaufen

Veröffentlicht am 21. November 2007. (1643 Tage alt) in Buchtipps
 

„Stimmts, Opa“, sagte Anton gestern dicht an meinem Ohr, „das Leben ist ungerecht.“ „Und gefährlich, Alter!“, ranzte ich ihn wütend an. Der Kerl hatte mich aus dem schönsten Schlummer geschreckt.

weiter

kussmann