Streit mit der Tochter um Erziehung - oder steckt mehr dahinter?

Über mich ist etwas hereingebrochen, was ich nur schwer verstehe. Meine älteste Tochter hat uns als Großeltern mit einer Tochter (16) und zwei Söhnen (5 und 6) eine große Freude gemacht. Sie war jedoch schon als Kind Zärtlichkeiten gegenüber sehr abweisend, was sich auch nicht verändert hat. Nur auf ausdrückliche Bitte von mir ist sie zu einer Umarmung bereit. Nun leidet die Enkeltochter unter dieser Kühle und hat bei mir oft ihr Herz ausgeschüttet. Eine Bitte von mir, doch dem Bedürfnis nach körperlichem Kontakt etwas nachzugeben, endete mit einem Vorwurf an die Enkeltochter: sie hätte die Mama bei der Oma verpetzt. Mir sind Mund und Hände gebunden, sonst bekommt die Enkelin Schwierigkeiten. Unser Kontakt ist sehr selten, wenn wir uns aber sehen, nach wie vor sehr innig. Dann wurde der erste Sohn durch eine sehr problematische Entbindung geboren, von allen mit viel Stolz und Freude begrüßt. Und bald meldete sich schon das Brüderchen. Als es ankam, hatte ich oft die Gelegenheit, den Größeren zu betreuen. Da er situationsbedingt sehr bedürftig ist, habe ich ihm immer wieder gezeigt, dass sein Platz in meinem Herzen sicher ist. Mir ist aufgefallen, dass meine Tochter oft im Beisein der beiden Großen deren kleine Sünden und Schwächen geschildert hat. Den Kleinsten hat sie immer bei sich. Er ist darauf konditioniert, beim leisesten Unmut alle herbei zu schreien. Meine Tochter sieht sehr darauf, dass jeder Junge 100% das Gleiche bekommt. Manchmal artet das zum Zwang aus. Bei materiellen Dingen ist das ja auch relativ leicht zu machen. Aber bei emotionalen Zuneigungen ist es schon schwieriger. Der Kleine war schon von Anfang an verhaltener und wenn ich ihn begrüßen wollte, lief er weg. Ich dachte, er lebt in der absoluten Sicherheit, dass er der Mittelpunkt der Familie ist und hab ihn gelassen. Wenn wir gespielt haben (rumtragen, fliegenlassen, schaukeln, fangen usw.) habe ich streng darauf geachtet, dass der Kleine nicht zu kurz kam. Und ich hatte auch nicht den Eindruck, dass er das empfand. Wenn er allerdings etwas erzwingen wollte, habe ich nicht auf Bestellung wie es in der Familie üblich ist, reagiert. Nun hat meine Tochter mir den Vorwurf gemacht, ich würde große Unterschiede in der Zuwendung machen, ja ich würde den Kleinen mobben. Ich war sprachlos, habe aber dann erklärt, dass ich der Meinung bin, dass der Große als Sandwichkind mehr Bedarf signalisiert und der Kleine nicht - was ich auch ganz OK finde. Daraufhin fand eine wüste Beschimpfung statt mit dem Hinweis, dass sie mich lieber nicht mehr sehen will "als dass du mir die Erziehung meiner Kinder machst". Ich habe keine Ahnung, was meine Tochter von mir will. Ich glaube nicht, dass es hier wirklich um die Vernachlässigung des Kleinen geht.

Marietta M.

Liebe Marietta,

es geht hier ganz sicher nicht um Vernachlässigung des jüngsten Enkels. Es ist eher ein Mutter-Tochter-Konflikt ausgebrochen, der schon lange schwelt.

Was ich Ihrem Brief entnehme: Sie halten Ihre Tochter für emotional kalt und versuchen, das im Umgang mit den Enkeln auszugleichen. Das ist auch ganz in Ordnung, solange Sie die Mutter nicht abwerten. Sehen Sie das stille Gefühlsleben Ihrer Tochter nicht als Defizit, sondern als Eigenart, wie ihre Haar- oder Augenfarbe. Sie wird nie grundsätzlich anders werden, und das muss gar nicht schlecht sein.

So können Sie Ihre große Enkeltochter, die Mamas Zärtlichkeit vermisst, anhören ohne einzugreifen. Das birgt ohnehin immer die Gefahr, nichts mehr anvertraut zu bekommen. Das Mädchen will sich ja vielleicht nur vergewissern, ob es geliebt wird. Und es wird sie beruhigen, zu hören, dass ihre Mutter schon als Kind nicht gern schmuste. Deren gefühlte Sprödigkeit hat also nichts mit ihr zu tun hat, die gegenüber den kleinen Brüdern vermutlich zurückstecken muss. Die Botschaft, Oma ist immer für dich da, ist in dieser Situation trotzdem sehr tröstend.

Mit dem Vorwurf der „Kälte“ habe ich sowieso ein Problem. Bei manchen Menschen spielt sich nun mal vieles „innen“ ab. Das heißt aber nicht, dass da an Gefühlen nichts wäre. Immerhin ist Ihre „gefühlsarme“ Tochter gerade furchtbar wütend geworden. Solche Ausbrüche erschrecken besonders, wenn sie selten sind...

Versuchen Sie doch mal gedanklich einen Rollentausch. Was wäre, wenn Ihre Tochter ihrerseits Ihre „Innigkeit“ für übertrieben oder aufgesetzt hält? Sozusagen für die Demo-Version ihrer Mutter, wie eine gute Mutter sein sollte. Sie wird nie so sein können, denn ihr introvertiertes Temperament lässt das nicht zu, und das ist nun mal weitgehend angeboren.

Immer als „die Spröde“ eingeordnet zu werden, macht es ihr nicht gerade leichter, mal aus sich heraus zu gehen. Zarte Ansätze dazu zu loben, Humor und Witz knacken die Schale vielleicht eher als sich z.B. explizit Umarmungen zu wünschen. Klar will man die, und sie tun gut. Aber ich glaube, man sollte sie lieber nicht erbitten oder gar erzwingen.

Wie auch immer. Fest steht, Sie sind mit Ihrer Großen nicht gerade auf einer Wellenlänge. Ich finde es in Ordnung, dass Sie nicht schuld sein wollen. Lassen Sie aber auch Ihre Tochter nicht schuld sein! Schulddiskussionen führen ohnehin nicht weiter.

Fragen Sie sich lieber, wie sie jetzt, als zwei erwachsene, sehr verschiedene Frauen miteinander umgehen. „Ich habe keine Ahnung, was sie von mir will“, sagen Sie. Für einen Außenstehenden ist die Antwort ist relativ einfach: Ihre älteste Tochter will Anerkennung, Respekt, und die stillschweigende Gewissheit, so sein zu dürfen, wie sie ist. Als Tochter und als Mutter. Sie will Lob und wohlwollende, tolerante Beobachtung... Das Gefühl, OK zu sein.

Es kann gut sein, dass Ihre Tochter fehlende Innigkeit durch andere Tugenden wett macht. Vielleicht fördert sie eigenständiges Denken ihrer Kinder besonders, ihr Durchsetzungsvermögen oder ihre Kreativität... Irgendetwas gibt es bestimmt, das Ihnen Bewunderung abnötigt. Sagen Sie es einfach, wenn es Ihnen auffällt. Dann können Sie leichter, und zwar wie ich neulich in einem Artikel über Paarbeziehungen las, im Verhältnis 5:1 (Fünfmal loben, einmal nörgeln, Kritik einstreuen.

Zum Beispiel an diesem Gleichbehandlungsfimmel, der nichts mit Gerechtigkeit zu tun hat. Oder daran, dass die älteren Kinder im Beisein Dritter heruntergeputzt werden. Das finde ich auch verletzend.

Riskant bleibt Kritik trotzdem, wenn die Beziehung belastet ist. Streitforscher sagen, dass sie immer unter dem Blickwinkel betrachtet wird: Wie steht der andere zu mir? Ist er überhaupt „befugt“ mich zu kritisieren? Das dürfen tendenziell nur hochrangige Respekts-Personen oder wohlwollende Gleichgestellte. Rangieren Sie bei Ihrer Tochter darunter?

Was Sie beispielsweise auf ihren Mobbing-Vorwurf hinsichtlich des Kleinen geantwortet haben, mag inhaltlich stimmen: Das mittlere Kind signalisierte mehr Bedarf. Was Ihre Tochter ausrasten ließ, könnte allein die Wortwahl gewesen sein: „Aha, eines meiner Kinder ist aus der Sicht meiner Mutter wieder einmal bedürftig. Also bin ich als Mutter unzulänglich, ich war sowieso nie gut genug ... „ Alle tatsächlichen und eingebildeten Kränkungen kommen wieder hoch. Klares Denken ist da nicht mehr möglich...

Tja, was nun, nach dem Krach? Ich würde sagen, kuschen Sie jetzt nicht, aber verziehen Sie sich auch nicht in den Schmollwinkel. Prinzipienreiterei ist taktisch unklug, wenn der andere am längeren Hebel sitzt. Ihre Tochter hat die Kinder und schließlich wollen Sie die sehen.

Der Ausbruch neulich bietet die Chance für ein reinigendes Gewitter. Gehen Sie auf Ihre Tochter zu, ohne Vorwürfe und ohne alle Details des Vorfalls noch mal aufzukochen. Und möglichst ohne auf die Tränendrüse zu drücken, das zieht bei eher rationalen Menschen sowieso nicht. Machen Sie ihr klar, dass sie sie ganz in Ordnung finden. Das wird im Prinzip schon stimmen. Jedenfalls wird’s nicht besser, wenn Sie nicht dran glauben, dass Ihre Tochter sich als Mutter Mühe gibt und ihre Sache ganz gut macht. Sagen Sie, was Sie sich für sich selbst wünschen. Ich meine, ganz pragmatisch. (Nicht, was Sie sich an ihrer Tochter anders wünschen.) Vielleicht möchten Sie etwas öfter einen Treff mit der Großen. Vielleicht abwechselnd ein Zusammensein mit nur einem der Jungen, weil Sie dann jedem besser gerecht werden und an dem Kleinen auch mal Züge entdecken können, die er im Kreis von Mama und Geschwistern nicht so zeigt. Oder Sie möchten etwas anders, das wissen Sie selbst am besten... Zeigen Sie sich auch manchmal Rat suchend und geben sich nicht als Erziehungs-Instanz... Niemand ist perfekt.

Lassen Sie sich nicht „rausschmeißen“. Wenn Ihre Tochter Sie wirklich nicht sehen will, gut. Aber die Enkel wollen ja vielleicht ihre Großeltern sehen. Wenn Ihre Tochter sicher sein kann, dass dabei keine Mama-Schelte passiert, dürfte sie eigentlich nichts dagegen haben. Schließlich sind Enkel-Großeltern-Tage auch Entlastung für die Eltern.

Veröffentlicht am 30. August 2007. (1723 Tage alt) in Kummerkasten
 

„Stimmts, Opa“, sagte Anton gestern dicht an meinem Ohr, „das Leben ist ungerecht.“ „Und gefährlich, Alter!“, ranzte ich ihn wütend an. Der Kerl hatte mich aus dem schönsten Schlummer geschreckt.

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kussmann