Kittet ein Enkelkind eine zerrüttete Mutter-Tochter-Beziehung?
Die Beziehung zwischen mir und meiner Tochter war, abgesehen von der Kinderzeit, nie besonders gut. Sie mochte den Mann nicht, in den ich mich nach meiner Scheidung verliebt hatte. In der Pubertät hat sie ihn regelrecht gehasst und es kam zu schlimmen Szenen. Ihretwegen sind wir nicht zusammengezogen. In der Ausbildung, nachdem sie bei mir ausgezogen war, wurde sie etwas toleranter, blieb aber auf Abstand. Jetzt, mit 24 Jahren, ist sie schwanger. Ich habe es vorige Woche erfahren. Den Kindesvater kenne ich, er ist in Ordnung, aber auch noch jung. Ich wünsche mir von Herzen, für mein Enkelkind dasein zu können. Da ich mit 56 Jahren jetzt halbtags arbeite, hätte ich auch Zeit dafür. Was kann ich tun, damit alles gut geht und wir wieder näher zusammenrücken?
Roswitha A., Rothenburg
Liebe Roswitha A.,
Sie wünschen sich eine zweite Chance und es ist gar nicht unwahrscheinlich, dass Sie sie auch bekommen.
Dass die Kindheit Ihrer Tochter unbeschwert verlaufen ist, ist schon mal eine gute Basis. Sie weiß, dass Sie als Mutter stark, liebevoll und zuverlässig sein können und damit wahrscheinlich auch als Großmutter für ein kleines Kind OK. sind. In diesem Punkt ist Vertrauen da.
Dass es später getrübt wurde, ist eine andere Geschichte. Die Turbulenzen in der Pubertät werden natürlich nicht vergessen sein. Aber sie sind, wie Sie selbst schreiben, nicht mehr so dramatisch und weltbewegend wie damals. Vielleicht sieht Ihre Tochter jetzt, da sie selbst eine feste Beziehung führt und in einer fremden Familie um Anerkennung wirbt, auch vieles anders als in ihrer Jugend.
Wichtig wäre, dass es keine gegenseitigen Schuldzuweisungen gibt. Etwa, dass Ihre Tochter Ihnen Vorwürfe macht, weil Sie den neuen Partner nicht gänzlich verlassen haben. Oder dass Sie insgeheim glauben, Sie hätten Ihrer Tochter wegen Glück verpasst.
Richten Sie ihren Blick nicht in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft. Die jungen Eltern werden Ihre Hilfe brauchen. Machen Sie es ihnen leicht, sie anzunehmen. Ihre Tochter, die sich früh auf eigene Füße gestellt, ihre Ausbildung geschafft und Ihnen damit Unabhängigkeit demonstriert hat, wäre sonst womöglich zu stolz dazu. Stellen Sie es nicht so hin, dass Sie versuchen wollen, etwas gut zu machen. Sagen Sie ihr einfach, wie es ist: dass Sie sich auf das Baby freuen und ihm etwas zu bieten haben: praktischen Beistand, Liebe und familiäre Wurzeln.
Erwarten Sie aber nicht zuviel. Ein Kind ist niemals "Kitt" für angeschlagene Beziehungen, auch kein Enkelkind. Eine gewisse Distanz zwischen Ihnen und Ihrer Tochter könnte bleiben. Vielleicht können sie beide sich darauf einigen, dass sich das nicht auf die kommende Generation übertragen sollte. Manchmal entpuppen sich Großeltern und Enkel ja geradezu als Seelenverwandte, die miteinander viel anfangen können. Wär doch schön, das zu erkunden.
Wenn Sie Glück haben, mag der Mann Ihrer Tochter Ihren Partner. Das kann das Verhältnis entspannen. Lassen Sie die beiden Männer einander kennenlernen und mischen Sie sich möglichst nicht „vermittelnd“ ein.
Wenn Sie merken, dass es im Verhältnis der Tochter zu Ihrem Lebenspartner trotzdem weiter kriselt, bleiben Sie gelassen. Er muss nicht in die Opa-Rolle schlüpfen. Möglicherweise hat er ja aus früheren Beziehungen eigene Kinder, die ihn zum Großvater machen.
Sie müssen auch nicht für Ihren Partner gekränkt sein. Seien Sie pragmatisch. Es geht um Ihre Oma-Zeit. Die kann für Sie, Tochter und Baby wichtig und schön sein, trotz allem, was war.
Uta A.


