Nein, ich will keinen Seniorenteller!

Seniorenteller
Cover des Romans, der im Original heißt: "Nein, ich will in keinen Buchklub!" Für deutsche Leser schien offenbar der Seniorenteller die passendere Horrorvision zu sein.

Marie, 59, dunkelhaarige Single-Frau italienischen Typs, die gerade die Hormone abgesetzt hat und sich ärgert, dass sie ihre Strümpfe nicht mehr im Stehen anziehen kann, entschließt sich zum Tagebuch-Führen. Ein Jahr lang lesen wir mit.

Was so alles passiert, erinnert an eine Doku-Soap. Es geht vom grimmig durchgehaltenen Alltagsfrust über mehrere Hoch- und Tiefpunkte bis zum, ausnahmsweise sei es verraten, Happy End.

Der Freundeskreis der Ex-Kunstlehrerin scheint dem Reißbrett entsprungen zu sein. Autorin Virginia Ironside, Ex-Kummerkasten-Tante der Zeitschrift Woman, griff schamlos zu Klischess: Es gibt da eine gleichaltrige Busenfreundin, die enttäuschende Dates mit Internet-Bekanntschaften hat und schließlich einen 30 Jahre jüngeren Lover. Eine knackige junge Untermieterin aus Fraaankgraisch, einen polnischer Putzmann mit Uni-Abschluss und Pferdeschwanz, einen Sohn mit Freundin, zwei supernette schwule Nachbarn... und einen verwitweten Ex-Freund.

Während diese ganze Suppe brodelt, wird Marie Großmutter, und das geht so:

  • Seite 39: Marie erfährt es, darf es aber niemandem sagen.

  • Seite 81: Drei Monate später darf sie's sagen, aber keiner will es hören.

  • Seite 107: Marie kauft eine Umstandsbluse und merkt zu spät, dass sowas total out ist

  • Seite 113: Das dreißig Jahre lang gehütete Hochstühlchen des Sohnes wird aus dem Staub gezerrt....

Na, und so weiter.

Das Beste auf diesen knapp 300 Seiten sind sowieso nicht die Ereignisse selbst, sondern die scharfsinnigen Selbstbeobachtungen einer Frau, die älter wird, frei von Skrupeln, Illusionen und Selbstbetrug. Selbstironisch spielt sie mit dem Gedanken, den Schrittzähler, ein Geschenk zum 60. Geburtstag, auch unterm Nachthemd zu tragen. Das lohnt sich, weil man ja immer öfter raus muss. Man hört Autorin Ironside, schätzungsweise Maries Jahrgang, mitfühlend am Schreibtisch kichern. Egal. Wirklich alt fühlte sich die Romanheldin im Leben bisher eigentlich nur einmal. Nämlich, als Sohn Jack ihr einen Computer aufschwatzte, anschloss, und erklärte, wie man Mails schreibt. Da war er elf.

Ein paar Marie-Sprüche:

  • „Ich habe das Gefühl, dass einem viel Erfahrung in gewissen Situationen mehr schadet als nutzt.“

  • „Man wird nie richtig man selber, solange die Eltern noch leben.“

  • „Ich will nicht 'in unserem Alter’ sein! Ich habe mein eigenes Alter, Gott sei dank.“

  • „Die Erinnerung ist von intensiven Gefühlen begleitet, die ich, soweit ich mich erinnere, damals, als es passierte, gar nicht hatte.“

  • „Als ich 20 war, waren die Leute mit 60 alt. Jetzt bin ich 60. Warum sollte sich die Ziellinie verschoben haben?“

  • „Finden Sie nicht auch, dass Männer mit Bärten oft richtig breite, feminine Hintern haben?“

Die eigentliche "Oma-Werdung" Maries verläuft recht zäh. Erst spontane Begeisterung und das Gefühl stoned zu sein, wie als sie zum ersten Mal Hasch rauchte. Dann Albträumen vor der Geburt des Enkels (sie träumt, sie erstickt das Kind mit einem Kissen) und kalte Gleichgültigkeit bei seinem ersten Anblick, während der Sohn vor Glück weint. Unverhofft leise Annäherung: „Der Babyduft stieg mir in die Nase wie Feenstaub.“.... Schließlich nennt der zahnlose Knabe Marie „Gaga“ und sie empfindet es als Ritterschlag: „Mein Gott, er erkennt mich!“

Das Happy-End dieses Romans ist das nicht. Das hat natürlich mit dem verwitweten, gut aussehenden Ex-Freund zu tun.

Uta Alexander

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Homepage der Autorin (in englischer Sprache)

Rezension beim Buchjournal von buchhandel.de

Weitere Bücher über Vorteile und Schrecknisse des Älter-Werdens, vorgestellt in GroßelternReport:

Helmut Karasek, "Süßer Vogel Jugend"

Indrid Noll, "Ladylike

Veröffentlicht am 30. Juni 2007. (1680 Tage alt) in Buchtipps
 

„Stimmts, Opa“, sagte Anton gestern dicht an meinem Ohr, „das Leben ist ungerecht.“ „Und gefährlich, Alter!“, ranzte ich ihn wütend an. Der Kerl hatte mich aus dem schönsten Schlummer geschreckt.

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kussmann