Erziehungsfehler

Roland verträgt keinen Alkohol. Definitiv. Als wir gestern einen neuen Rotwein testeten, fing er nach der zweiten Flasche an zu stänkern.

„Eins muss ich euch mal sagen“, verkündete er mit schwerer Zunge. „Ihr habt bei meiner Erziehung alles falsch gemacht.“

„Ach ja?“, fragte Brigitte spitz. „Was denn, bitte?"

„Du hast mir ständig gedroht“, nörgelte Roland. „Warte bis Papa kommt, hast du gesagt. Der wird dir die Hammelbeine lang ziehen. Einmal hast du eine Woche nicht mit mir gesprochen. Nur weil ich dein Parfüm mit Essig verdünnt hatte. Das ist Liebesentzug. Meinen besten Freund hast du vergrault. Er sah dir nicht adrett genug aus...“

Ich lehnte mich entspannt zurück. Das ging alles nicht gegen mich.

Zu früh gefreut. Mein Sohn war noch nicht fertig.

„Und du hast mir nie richtig zugehört“, lallte er. „Schöner Vater. Immer gleich losgebrüllt. Als ich mehr Taschengeld wollte, hast du gesagt, geh zu Oma. Und wir haben nie mehr die netten Gartennachbarn von gegenüber besucht, bloß weil du dachtest der Mann ist scharf auf Mama.“

„Wie sprichst du von deinen Eltern?!“, zeterte Brigitte.

„Ich hab als Kind schnell mal Dresche gekriegt“, warf ich ein. „Wäre dir das lieber gewesen?“

„Siehste. Genau das meine ich“, grummelte Roland eingeschnappt und griff zur dritten Flasche. „Ihr hört mir nie richtig zu.“

In dem Moment erschien Anton in der Tür, total verpennt, im Schlafanzug mit Hochwasserhosen.

„Was schreit ihr hier so rum?“, beschwerte er sich. „Ich kann gar nicht schlafen.“

„Verschwinde ins Bett. Oder Opa zieht dir gleich die Hammelbeine lang“, brüllte Roland.

„Das wollte ich auch gerade sagen“, sagte Brigitte, wand Roland die Rotweinflasche aus der Hand und schenkte sich kräftig nach.

Veröffentlicht am 5. Juni 2007. (1809 Tage alt) in Kussmann
 

„Stimmts, Opa“, sagte Anton gestern dicht an meinem Ohr, „das Leben ist ungerecht.“ „Und gefährlich, Alter!“, ranzte ich ihn wütend an. Der Kerl hatte mich aus dem schönsten Schlummer geschreckt.

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