Blutegeltherapie
Erika ist mal wieder im Krankenhaus. Diesmal hat sie’s mit dem Knie. Als ich sie gestern besuchte, krallte sie sich an meinem Arm fest wie Anton bei Gewitter.
„Gleich kommt meine Blutegeltherapie“, sagte sie. „Bitte bleib hier.“
Prompt ging die Tür ging auf und es erschien eine Schwester, ein Glas voller schwarzgrüner fingerlanger Würmer in der Hand.
„Ich dachte, das Mittelalter ist vorbei“, rutschte es mir heraus.
„Wissen Sie, wie teuer die sind?“, fauchte die Schwester. „Drei Euro pro Stück!“
„Blutegeltherapie soll gegen Arthrose total erfolgreich sein“, flüsterte Erika beschwichtigend. „Man muss ja nicht hingucken.“ So ungewohnt kleinlaut finde ich sie wirklich niedlich.
Für die Egel war sie offenbar das Letzte. Statt sich an ihrem Knie festzubeißen, versuchten sie, sich mit heftigen Schlängelbewegungen unter die Bettdecke zu retten.
Die Schwester beugte sich vor und roch an Erikas Knie.
„Kein Wunder, dass die Tiere Sie ablehnen!“, rief sie. „ Sie haben da eigenmächtig Schlangengift-Salbe drauf gemacht!“
Wutentbrannt drückte sie mir das Wurmglas in die Hand und fing an, mit einem Seiflappen und heißem Wasser an Erikas entzündetem Knie herumzuschrubben.
Beim zweiten Versuch ließen sich die Egel erweichen, bissen zu und schwollen zu fetten schwarzen Säckchen an. Erika starrte unverwandt aus dem Fenster.
Als die Schwester 20 Minuten später ihre Vampire wieder einsammelte, blutete Erikas Bein aus einem Dutzend Stellen wie der Körper des heiligen Sebastian.
„Das muss offen bleiben und nachbluten“, erklärte die Schwester hämisch.
„Den Schlafanzug kann ich vergessen“, flüsterte Erika deprimiert. „Kalle steckt den unvorbehandelt in die Kochwäsche. Die wollen das dreimal machen. Ich sag dem Arzt, es hat schon geholfen.“


