Kalender-Weisheiten

Gestern hockte Brigitte am Küchentisch, vor sich ein Häufchen Schmuck – und einen Abreiß-Kalender.

„Willst du das Familiensilber verscherbeln?“, fragte ich munter.

Man soll als Mann versuchen, sich dafür zu interessieren, was die Partnerin macht. Besonders nach der Rente. Sie fühlt sich sonst unverstanden und dann hat man ein Problem...

Wobei mir das Interessieren, ehrlich gesagt, leichter fällt, wenn sie kocht. Oder wenn sie diese langen Strümpfe anzieht. Sensationell, kann ich da nur sagen, noch nach 40 Jahren. Dass die nicht reißen! Wenn die aus der Wäsche kommen, sind sie so kurz wie meine Socken.

„Das ist kein Silber, das ist Gold“, sagte Brigitte. „Von der Mutter meiner Mutter. „Sowas verkauft man nicht. Ich will’s putzen.“

„Und der Kalender?“, fragte ich. „Was soll der?“

„Das steht ein toller Tipp drauf: bewährte Hausmittel für Glänzendes Gold“, erklärte Brigitte und hielt mir das Blatt vom 12. April hin.

Damit matt gewordener Goldschmuck wieder wie neu aussieht, reiben Sie ihn mit Zwiebelsaft ein, las ich mit wachsendem Entsetzen. Nach zwei Stunden Einwirkzeit mit einem weichen Lappen polieren. Eine weitere Möglichkeit ist das Reinigen mit Zigarettenasche. Oder Sie legen den Goldschmuck über Nacht in Gebissreiniger.

„Was meinst du“, fragte Brigitte. „Was soll ich machen? Gebissreiniger haben wir nicht. Wollen wir Kalle holen, damit er bei uns raucht? Oder soll ich die Zwiebel nehmen?“

Ich fand alle drei Varianten pervers. Aber Zwiebelgeruch am Hals einer Frau ist mehr als ich ertragen kann, auch nach der Pensionierung.

Wer auch immer Brigitte diesen bescheuerten Abreißkalender geschenkt hat, er kann mich nicht leiden.

„Egal, mach was du willst“, sagte ich diplomatisch. „Das wird bestimmt ganz prima. Und dann ziehst du die schicke Kette an. Und dann siehst aus wie deine Mutter.“

Brigitte zuckte merklich zusammen.

„Ich überleg mir das noch mal“, sagte sie.

Veröffentlicht am 24. April 2007. (1851 Tage alt) in Kussmann
 

„Stimmts, Opa“, sagte Anton gestern dicht an meinem Ohr, „das Leben ist ungerecht.“ „Und gefährlich, Alter!“, ranzte ich ihn wütend an. Der Kerl hatte mich aus dem schönsten Schlummer geschreckt.

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