Das KinderBuch: Wie kleine Menschen groß werden

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Die Autorin Anna Wahlgren, 1943 geboren, hat neun Kinder. Das erste, ein Mädchen, bekam sie mit 18 Jahren. „Als junger Mensch ist man ziemlich egoistisch“, schreibt sie. „Kein Kind sollte mein Leben dominieren! Niemals! Die Kleine musste also ihren Platz neben mir einnehmen und mit mir leben – nicht auf mir lasten. Und mich nicht kleinkriegen!“

Die Auffassung erwies sich als Schlüssel zum Erfolg. Und wurde zum Modell für Wahlgrens Prinzip der Kindererziehung, das schlicht darauf beruht,keine Nachlässigkeiten bei praktischen Alltags-Sachen zuzulassen, die einfach gemacht werden müssen. Ansonsten aber Kinder Kinder sein zu lassen, sie als eigenständige Menschen zu respektieren und durch genaues Hinschauen zu erkennen, was sie brauchen. Als Beobachterin und Erzählerin ist sie große Klasse. Aus gutem Grund ist die Anna Wahlgren heute in ihrer schwedische Heimat die populärste Kinderexpertin.

Ihr „Kinder-Buch“, in der Ich-Form geschrieben, ist, so finde ich, das beste, das man jungen Eltern mit auf den Weg geben kann. Vorausgesetzt, sie lesen gern, denn es ist mit über 800 Seiten sehr dick.

Dafür aber gut gegliedert. Kleine Memos fassen zum Nachschlagen zusammen, was im vorhergehenden Kapitel ausführlich geschildert wurde.

Zum Beispiel, wie man es schafft, ein Baby zu beruhigen, das auf beängstigende Weise lange schreit. ("Knuffmethode", ein rhythmischer Druck + Schaukeln) Oder wie man ein Kleinkind Gegenstände erkunden lässt, die ihm gefährlich werden können – ohne Wut und Trotz zu provozieren und ohne ihm seinen Forscherdrang auszutreiben.

Letzteres war für mich ziemlich erhellend. Was tun Sie, wenn ein Zweijähriger nach einem teuren Buch (einer Kerze, einem Messer oder einem dornigen Rosenzweig) greift und das hartnäckig immer wieder? Wegrücken? Ablenken, sicherheitshalber, wie ich?

Anna Wahlgren schob ihren Kindern die Dinge näher heran und führte sie vor, mehr zeigend als redend, übrigens. Die Neugier war befriedigt.

Sie geht einfach davon aus, dass Kinder einen natürlichen Respekt vor unbekannten Dingen haben. Ging etwas kaputt, machte sie sich gemeinsam mit dem Kind daran, den Schaden wieder gut zu machen. Grundsätzlich wurde bei ihr niemals einem Kind etwas aus der Hand gerissen, ohne ihm zum Tausch etwas anderes anzubieten. (Nicht einmal das Essen aus dem Hundenapf!)

Was mir auch nicht bewusst war, ist dass kleine Kinder es gern haben, wenn ihre Vertrauensperson an einer Stelle verlässlich zu finden ist. Zum Beispiel auf der Bank am Spielplatz. Oder in der Küche. Als Stützpunkt sozusagen, von dem aus sie ihre Erkundungskreise ziehen und zu der sie jederzeit zurückkehren können. Bewegt sich das „Zentrum“ unverhofft, selbst innerhalb ihres Blickfeldes, fühlen sie sich verstört. Manchmal laufen sie dann sogar weg.

Das Buch enthält viele solcher praktischen Beispiele und Tipps.

Für Großeltern, die gern mit den Enkeln alles richtig machen wollen, ist das Kinder-Buch eine echte Fundgrube. Nicht nur, weil sie unversehens noch einmal die Perspektive einer Mutter (und manchmal sogar die eines Kindes) einnehmen können. Was einen Aha-Effekt auslöst, wenn man die eigenen Kinder und Schwiegerkinder nicht mehr versteht, die sich plötzlich unerklärlich verhalten, nachdem sie Eltern geworden sind.

Man versteht auch im Nachhinein manche Panne im eigenen Elternleben besser – und wird zugleich von Schuldgefühlen befreit. Anna Wahlgren hat selbst allerlei falsch gemacht. Eine wunderbare Basis, mit den Enkeln vieles noch mal durchzuspielen. Gelassener, fröhlicher und hervorragend beraten am lebendigen Beispiel einer cleveren, keineswegs perfekten Frau.

Der Untertitel des Buches lautet „Wie kleine Menschen groß werden“. Berechtigt, denn auch dem Umgang mit Teenagern bis 16 sind aufschlussreiche und amüsante Kapitel gewidmet. Beispiel: Ihr 14-jähriger Enkel will nicht mit zur langweiligen Tante X? Appellieren Sie nicht an sein Gewissen. Sagen Sie ihm, es wird dort einfach lustiger sein mit ihm. Seine Anwesenheit wird deshalb dringend gebraucht. Kann gut sein, dass er es sich doch noch überlegt.

U.A.

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Veröffentlicht am 19. April 2007. (1859 Tage alt) in Buchtipps
 

„Stimmts, Opa“, sagte Anton gestern dicht an meinem Ohr, „das Leben ist ungerecht.“ „Und gefährlich, Alter!“, ranzte ich ihn wütend an. Der Kerl hatte mich aus dem schönsten Schlummer geschreckt.

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kussmann