Flohmarkt
Gestern schleppten mich Erika und Brigitte auf einen Flohmarkt.
„Eigentlich wollen wir keinen Mann dabei haben“, gestand Erika unverblümt. „Die nerven nur. Aber irgend jemand muss ja die schweren Sachen tragen.“
„Wir gucken bloß “, rief Brigitte, die meinen Gesichtsausdruck ganz richtig interpretiert hatte. „Erstmal, jedenfalls.“
OK., überredet.
Der Markt bestand aus einer Reihe windschiefer Tapeziertische, die sich unter der Last von altem Porzellan, Steingut, Kristallvasen und Silberbesteck bogen. Dahinter, auf rollenden Kleiderstangen, baumelten Klamotten und Pelzmäntel, umrahmt von Kisten voller Schuhe, Handtaschen, Hüte und Bücher. Über allem lag ein muffiger Keller-Geruch, von dem sich mir fast der Magen umdrehte.
Ein junges Paar inspizierte eine Stehlampe mit drei verschiedenfarbigen Schirmen aus gepunktetem Wachstuch. „Fuffziger Jahre, echt DDR“, sagte der Junge respektvoll.
Aua, volle Breitseite! Die High-tech-Lampe, die ich neulich gekauft habe, ist also out. Ich bin ein verdammter Edelstahl-Spießer. Inmitten des Trödels fühlte ich mich plötzlich alt.
„Kommt mal her! Genau die Sammeltasse hatte meine Mutter in der Vitrine!“, quietschte Erika enthusiastisch. „Keiner durfte sie benutzen, nicht mal sie selber.“
Der Verkäufer, ein verwitterter Dealertyp um die vierzig, nahm Haltung an. So gucken Boxer, wenn vorm Kampf die Nationalhymne gespielt wird und sie im Geiste ihre Taktik durchgehen.
„Wir gucken nur“, murmelte Brigitte und strich begehrlich über einen Packen alter Geschirrhandtücher mit Monogramm. Der Händler grinste siegessicher.
Ich schlenderte unbeteiligt weiter. Muss ja nicht unbedingt jeder sehen, dass wir zusammen gehören. Flohmarkt ist quasi Niemandsland, hatte Kalle mir eingeschärft Keine Preisschilder, keine Quittungsblocks, keine Mehrwertsteuer, keine Garantie... Pokerface, keine Kaufbereitschaft zeigen!
Ein paar Tische später wurde mir heiß. Da lag exakt die Stoppuhr, die mein Sportlehrer immer auf seiner behaarten Brust baumeln hatte. Sah super-kompetent damit aus, die alte Pfeife. Wir fragten nicht, ob er rennen kann. Er konnte stoppen. Mit 14 Jahren hätte ich mein Leben dafür gegeben. Jetzt war das Teil für 40 Euro zu haben.
Als ich Erika und Brigitte wieder traf, übergaben sie mir zwei fette Aldi-Tüten. Mir riss es fast die Arme raus.
„Sei bloß vorsichtig damit“, warnte Erika besorgt.
„Toller Markt, oder?!“, rief Brigitte beschwingt. „Wie findest Du’s?“
Sie wollte mich davon abhalten, ihr Fragen zu stellen, eindeutig.
„Wenn ich soviel ollen Trödel hätte wie diese Typen hier, würde ich ihn auch verkaufen“, sagte ich verächtlich. Tief in der Hosentasche tickte leise meine neue Stoppuhr.


