Helga Dumuschat, 70, Leihoma: "Meine Zwerge sind mir ans Herz gewachsen"

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Helga Dumuschat. Foto: Uta Alexander

Helga Dumuschat will Nelly abholen.

„Nelly ist nicht da“, sagt ihre Mutter.

Die beiden suchen die ganze Wohnung ab. Keine Nelly.

„Tja, sie will wohl nichts mehr wissen von ihrer alten Oma Helga“, sagt Helga Dumuschat.

Da kommt die Vierjährige angerannt und wirft sich ihr an den Hals. Länger hätte sie es kaum ausgehalten in ihrem Versteck.

Mit diesem Ritual beginnen neuerdings Helga Dumuschats Tage mit Nelly. Wenn deren allein erziehende Mutter sonntags arbeitet, ist Leihoma Helga für sie da. Dann füttern die beiden die Enten am Weißen See mit klein geschnittenem Brot, malen, basteln und essen zusammen. Nelly schläft, während Helga kocht. Wenn der große Rummel um den Baby-Eisbären Knut etwas abgeklungen ist, werden sie ihn angucken gehen.

„Nelly war acht Monate alt als ich sie übernahm“, sagt Helga Dumuschat. „Damals musste ich ihr noch die Flasche geben. Jetzt ist sie ein Mädchen mit Charakter.“

„Ich brauchte dringend eine Hilfe. Jemanden, der auch ganztags verfügbar ist“, berichtet Nellys Mutter Asja. „Aber ich wollte keinen Familienanschluss.“

Bei Helga Dumuschat, die selbst acht Enkel hat, bestand da kaum Gefahr. Die gelernte Medizinisch Technische Assistentin, später als Ankleiderin beim Berliner Ensemble und der Volksbühne tätig, suchte nur eine Möglichkeit, ihre Rente aufzufrischen.

In der Zeitung stieß die damals 65-Jährige auf einen Bericht über den Berliner Grosselterndienst. „Mit Kindern kenne ich mich aus“, dachte die Mutter dreier Kinder. „Kümmere ich mich doch einfach um fremde Gören.“ Inzwischen betreute Helga Dumuschat bereits vier Leihenkel über lange Zeit und daneben mehrere „Kurzzeit-Kinder“.

Jede Wette, dass ihre Telefonnummer bei den Müttern unter „VIP“ gespeichert ist. Eine junge Fotografin etwa ist darauf angewiesen, dass Oma Dumuschat innerhalb von ein, zwei Stunden erscheint und für ihren zweijährigen Sohn da ist. Das kann zweimal im Monat sein. Oder auch vier Tage hintereinander.

Zur Anbahnung der Beziehung trifft man sich in den Räumen des Großelterndienstes. Meist ist Helga vor der suchenden Mutter da. „Sie übersehen mich immer“, lacht sie, „Weil sie sich nach einer 70jährigen Oma umgucken.“

Die schlanke, hoch gewachsene Berlinerin mit dem halblangen braunen Haar passt nicht ins klassische Großmutter-Bild. Sie gehört zu den beneidenswerten Frauen, die tragen können, was sie wollen, und das auch mit 70 noch tun. „Unter Gleichaltrigen fühle ich mich manchmal gelangweilt“, gesteht Helga Dumuschat. Sie machte einmal eine Kaffeefahrt mit, danach nie wieder. Soaps und Telenovelas nennt sie „Verdummungsserien“.

Was sie wirklich interessiert, zeigt ihre Wohnung: Bücher, Kunst, Tiere, Verwandte und Freunde, deren Fotos die Wände schmücken, Flohmärkte und die sonnigen Strände Tunesiens. Dort ist sie regelmäßig und bringt schöne Muscheln als Badezimmer-Deko mit. Für kleine Kinder höchst attraktiv. Gern lassen sie das eine oder andere Beutestück mitgehen.

Helga Dumuschat amüsiert sich darüber: So finden die Stücke echte Liebhaber. Sie mag die „Zwerge“, die sie betreut, nicht mit drohendem Zeigefinger erziehen. Das ist ohnehin nicht ihr Stil. „Wir wollen uns miteinander wohl fühlen“, sagt sie. „Irgendwann bin ich ja sowieso wieder weg.“ Außerdem haben die Kinder eigene Omas.

Über die eine oder andere Familie von heute und ihren Erziehungsstil wundert sich die gestandene Mutter schon. Sie selbst stand in den frühen 70ern mit drei Vorschulkindern allein da. Aus dem Forschungslabor eines Industriebetriebes wechselte sie ans Theater. „Das sollte nicht auf Dauer sein. Ich hatte wenig Lust, arroganten Fatzkes die Hose zu halten“, sagt sie in ihrer direkten Berliner Art.

Andererseits lag der Vorteil auf der Hand und die praktische Helga war nicht gewillt, ihn wieder sausen zu lassen: Fürs gleiche Geld hatte sie nun einen überschaubaren Job von acht bis 15 Uhr, der nur dann Probleme machte, wenn vor Premieren mal 10-Stunden-Schichten anstanden oder mehrwöchige Auslandsgastspiele liefen. Dann gab sie Iris, Ulf und Robin in ein Internat mit angeschlossener Schule. „Meine drei Zwerge waren gar nicht besonders froh, wenn ich wiederkam, sie zu holen. Wo sonst gab es zwei Kinder pro Klasse und ein gewisses Ferienlager-Feeling“, erinnert sich Helga Dumuschat. „Im Alltag kriegte ich alles irgendwie in den Griff. Es ging uns gut, obwohl wir nicht viel hatten.“

Dass heute alles so viel schwerer sein soll, kann Helga Dumuschat nicht glauben. „Mütter lassen ihr Kind verwahrlosen oder schmeißen es aus dem Fenster. Richter entschuldigen das mit Überforderung!“, entrüstet sich die 70-Jährige. „Da blutet mir das Herz.“ Andere, vor allem ältere Mütter, seien so fixiert auf ihr Kind, dass sie es hemmungslos verwöhnen. Zum Beispiel, indem für jede Spielidee gleich das komplette Zubehör gekauft wird. Aber die Ideen wechseln schnell, bald ist im Kinderzimmer dann kaum noch Platz zum Spielen - vor lauter Spielzeug.

„Das ist Sache der Eltern, nicht meine“, findet Helga Dumuschat. „Deshalb werde ich dazu nichts sagen.“ Sie selbst ist jemand, der lieber improvisiert. Nicht ohne zu strategisch planen, allerdings.

In einen Mittelmeer-Urlaub mit Enkelin Steffi nahm sie Schere, Kleber, Pappteller und Wasserfarben mit. (Fluggepäck darf nicht viel wiegen!) Am Strand entstanden daraus blaue Inseln, zwischen denen Boote verkehrten. Oder, unter Einsatz abgewickelter Klopapier-Rollen, mit Muscheln beklebte Blumenvasen für Mama. In kürzester Zeit versammelten sich um Großmutter und Enkelin Urlauberkinder, deren Eltern bräsig in der Sonne grillten, und wollten mitspielen. Wenn Bälle sie treffen, kickt Helga sie lachend zurück, ohne Meckern.

In ihrer eigenen Familie setzte sich im Umgang mit Kindern durch, was die Mutter vorlebte: „Meine Kinder kauften für ihre Kinder immer wenig, aber sinnvolles Spielzeug, erweiterbare Baukästen zum Beispiel. Alle sind geschickt und haben Freude daran, etwas zu schaffen.“

Tochter Iris machte sie mit 44 zur Großmutter. „Oma“ und „alt“ gehen deshalb in Helga Dumuschats Kopf nicht zusammen.„Mein Enkel kam mit zwei oder drei Jahren mal ans Theater und rief nach mir“, fällt Helga Dumuschat zu dem Thema ein. “Kollegen wunderten sich, dass ich mich Oma nennen ließ. Damals war es Mode, dass man sich von Kindern mit dem Vornamen ansprechen ließ, sogar als Eltern.“ Das Kind weiß, dass ich seine Oma bin", befand die bodenständige Ankleiderin. "Soll ich verbieten, das zu sagen? Nein!"

Nicht zu allen Familien findet sie einen guten Draht. Höflich, aber entschieden beendet sie dann das Verhältnis ehe sich die Kinder an sie gewöhnen. „Kinderbetreuung ist Vertrauenssache, Gefühlssache und außerdem eine Riesen-Verantwortung. Ich kann mit einem lebhaften Vierjährigen nicht auf der Bank sitzen und in Ruhe Zeitung lesen, sondern muss verdammt aufpassen“, ist der versierten Leihoma klar. „Man sollte schnell sein und körperlich fit, denn man muss ein Kind auch mal hochheben können.“

Leihenkel Jonas beispielsweise machte irgendwann deutlich, dass es ihn zu langweilig war, nur im Kinderwagen zu liegen. Er wollte sich bewegen. Helga Dumuschat hob ihn heraus und ließ Jonas sein Wägelchen alleine schieben. Stolz führten das die beiden seiner Mutter vor. Jetzt überlegt Helga Dumuschat, seit Kindertagen selbst eine leidenschaftliche Schwimmerin, wie sie den Jungen in diesem Sommer für Wasser begeistern könnte, das sich im See statt in einer Badewanne befindet. Dann würde sie ihn sogar mit in einen ihrer geliebten Strandurlaube nehmen.

Leider müssen die südlichen Strände öfter warten als Helga Dumuschat lieb ist. Die Rente erlaubt keine großen Sprünge. Ideal wären dauerhafte Leihoma-Stellen, regelmäßig zwei Tage die Woche. Sie hatte schon ein Angebot. Doch da hätten die jetzigen Enkel zurückstecken müssen. Helga Dumuschat sagte ab: „Meine Gören sind mir ans Herz gewachsen!“

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Veröffentlicht am 25. April 2007. (1853 Tage alt) in Vorgestellt
 

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kussmann