Erlebnis-Shopping

In unserem Einkaufszentrum, genau da, wo vor kurzem noch das blaue Zelt der Wahrsagerinnen und Wahrsager stand, waren gestern plötzlich vollautomatische Massagesessel aufgebaut. Zwölf Stück in zwei Reihen. Alle besetzt.

Aus sicherer Entfernung machten sich ein paar Girls über die Typen lustig, die im Leder fläzten und ungehemmt stöhnten. Die Reportage über ein Pornokino neulich auf Arte war nicht viel besser.

„Einkaufen wird immer mehr zum Erlebnis“, sagte ich zu Brigitte.

Sie hörte mir wiedermal nicht zu.

„Guck dir das an“, empört sie sich statt dessen.. „Diese Halsabschneider. 30 Minuten, zwei Euro!“

Offenbar war ihr entfallen, dass sie vor gerade vier Tagen für eine halbe Stunde Schicksal-Watching kalt lächelnd 25 Euro hingeblättert hatte. Dafür hätte sie sich zwölf Stunden lang massieren lassen können. Das hätte ihr vielleicht sogar besser getan.

Ich schwieg vorwurfsvoll.

„Ich weiß schon, was du sagen willst“, zickte Brigitte. „Wer hat schon zwölf Stunden Zeit! Also, ich nicht!“

Wie immer wusste sie, was ich insgeheim denke. Es sind nicht die Augen, soviel ist klar. Sie kann es auch, wenn ich eine verspiegelte Sonnenbrille trage.

„Ich wollte sagen: Hast du mal zwei Euro“, murrte ich.

Wenn man ertappt wird, ist es immer die beste Strategie, nichts zuzugeben und den Gegner zu verwirren. Anton beherrscht das meisterhaft. Ich bin sehr stolz auf ihn.

Brigitte wühlte in ihrer Handtasche:

„Hier hast du vier. Entspann dich, ich komm schon klar“, sagte sie großmütig.

Beinahe hätte ich mich bedankt.

Aber dann sah ich, dass die Massage-Fuzzis ihre Sessel strategisch positioniert hatten: Genau gegenüber vom Schuhladen.

Veröffentlicht am 4. April 2007. (1871 Tage alt) in Kussmann
 

„Stimmts, Opa“, sagte Anton gestern dicht an meinem Ohr, „das Leben ist ungerecht.“ „Und gefährlich, Alter!“, ranzte ich ihn wütend an. Der Kerl hatte mich aus dem schönsten Schlummer geschreckt.

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