Nachtgedanken
Gestern Nacht wachte ich auf und erschrak. Brigitte war nicht in ihrem Bett, wo sie um diese Zeit hingehört.
Man liest ja oft von Menschen, die losgehen, um Zigaretten zu holen. Und dann nie wiederkommen. Aber das sind meist Männer.
Ich guckte auf die Uhr. Es war halb drei. Selbst nach der Freigabe der Ladenöffnungszeiten hat jetzt kein Laden auf. Jedenfalls keiner, der Brigitte interessieren würde, soviel ich weiß. Aber man weiß ja nie.
Ich tastete nach meinen Pantoffeln, hängte mir den Morgenmantel über und machte mich auf die Suche nach meiner Frau.
Weit war sie nicht gekommen. Brigitte saß in der Küche, eine Stift und einen Schreibblock in der Hand.
Sollte ich mir Sorgen machen? Der letzte längere Text, den Brigitte seit ihrer Schulzeit geschrieben hat, war eine Urlaubskarte. Das ist jetzt fünf Jahre her.
„Hauch mich mal an“, sagte ich.
Sie tippte sich an den Kopf, stieß aber brav eine Art Seufzer aus. Nichts, keine Fahne oder so was. Sie roch nur nach Brigitte.
Aber sind nicht diese ganzen innovativen Drogen absolut geruchfrei? Ich guckte unauffällig von unten auf Brigittes Nase. Keine Löcher, außer den regulären. Was ist eigentlich mit den Pillen namens „Gelenkfit“, die sie neuerdings schluckt?
Mein Wissen über riskante Substanzen beschränkt sich so ziemlich auf einen Artikel, den ich neulich in Brigittes Brigitte las. Da hilft nur die direkte Tour.
„Wieso sitzt du nachts hier rum?“, fragte ich.
„Konnte nicht schlafen“, sagte sie. „Weil mir Gedanken im Kopf herumgingen.“
„Gedanken?“, sagte ich verständnislos. „Naund?“
„Man soll aufstehen und sie aufschreiben“, erklärte Brigitte. „Dann sind sie aus dem Kopf und man kann wieder schlafen.“
Hm. Wär nicht mein Ding, leuchtet aber ein.
Ich griff mir Brigittes Block. Gleich würde ich die Nachtgedanken meiner Frau kennen lernen. Ich spürte eine gewisse Ehrfurcht, soweit das gegenüber einer Person im Nachthemd möglich ist.
- Folie für Anzuchtschalen
- Zitronensäure
- Badreiniger
- Kunststoffreiniger (Türen und Gartenmöbel, dringend!)
- Scharnier von Haustür ölen
- roten Teppich zum Recyclinghof!
Eine Einkaufs- und To-do-Liste, natürlich mit Punkten für mich. Ich sollte mich von der Hoffnung verabschieden, nach 30 Jahren Ehe von meiner Frau überrascht zu werden.
„Komm ins Bett, verdammt!“, sagte ich.
Sie seufzte erleichtert und schlief sofort ein.
Mir ging ein Gedanke im Kopf herum. Ich hoffte, er hält sich bis früh.


