Verfolgung
Ich glaube, ich werde verfolgt.
Gestern auf dem Weg von meinem Malerjob nach Hause sah ich eine junge Frau im hellen Mantel. Mittelblond, und so kleine spitze Absatzschuhe. Steh ich drauf, normalerweise.
Sie wühlte energisch in ihrer Handtasche und guckte glatt durch mich durch.
Gut, ich sah nicht gerade top aus. Aber normalerweise finden Frauen Kerle in Handwerkerklamotten sexy. Hoch verdächtig, wie diese Lady mich demonstrativ nicht beachtete.
Am Abend, nach der Abrechnung mit Torsten, sah ich sie wieder. Eine Riesen-Sonnenbrille verdeckte das halbe Gesicht.
Es war schon ziemlich dunkel, aber ich erkannte den Mantel. Sie warf mir einen gehetzten Blick zu und winkte ein Taxi ran. Schlagartig wurde mir klar, dass sie mir schon früher zwei, dreimal über den Weg gelaufen sein musste, immer mit anderen Taschen.
„Beim Amt setzen sie jetzt Leute auf Schwarzarbeiter an“, warnte mich Wiebke.
Ich hatte von ihr wissen wollen, was sie über Privatdetektive weiß. Dass Brigitte einen engagiert hat, um mich zu überwachen, schloss sie aus.
„Oma krempelt vor jeder Wäsche deine Hosentaschen um“, bemerkte sie altklug. „Du bist für sie ein gläserner Mann.“
„Keine Panik“, sagte ich lässig. „Amt fällt aus.“
Ein Land, das 15 Jahre braucht, um zu entscheiden, ob in seiner Hauptstadt ein Haus abgerissen oder saniert oder erst saniert und dann abgerissen werden soll, wird nicht gleich zuschlagen, wenn ein Rentner steuertechnisch mal aus der Reihe tanzt.
Wiebke verfiel ins Grübeln.
„Wie sah der Mantel aus?“, fragte sie scharf. Ich tat mein Bestes und beschrieb ihr das Teil.
„Mann, Opa, eh“, stöhnte Wiebke. „Das ist der neue Trench von H&M! Voll geil. Den haben jetzt alle. Nur ich noch nicht, übrigens.
„Ich bin ein freier Mann“, dachte ich erleichtert. Nicht verfolgt, nicht überwacht. Oder, stopp mal... Die Sache mit den Hosentaschen ist mir neu. Danke Wiebke!
„Opa kauft dir das Teil, Kleines“, sagte ich gönnerhaft. Und sich selbst eine neue Fernbrille. Oder lieber ein bißchen Anti-Age-Kram für Einsteiger.


