Sind Großeltern mit der Erziehung einer Achtjährigen überfordert?

Meine Tochter ist acht Jahre alt, ihre Mutter und ich sind geschieden. Seit der Trennung vor über sechs Jahren pflege ich Umgang mit Ihr soviel man mich lässt.

Annika lebt seit der Trennung bei den Großeltern mütterlicherseits. Die Kindesmutter holt sie nur sporadisch zu sich nach Hause. Mittlerweile sind Oma und Opa beinahe 80 Jahre alt. Die Mutter meiner Tochter, 33, überlässt alle Entscheidungen ihnen.

Bei mir ist sie ca. 10 bis 14 Tage im Monat, die restlichen bei den Großeltern. Nur zweimal monatlich ist sie bei der Mutter in der Wohnung, wo sie eigentlich gemeldet ist.

Ich selber bin 36 Jahre, habe seit längerem wieder eine Beziehung und mit meiner Partnerin ein gemeinsames Kind, jetzt ein Jahr alt. Meine Partnerin hatte bereits einen Sohn und die Kinder kommen super untereinander klar.

Aber genau hier beginnen nun die Probleme. Bereits in früheren Zeiten verhinderten die Großeltern den Umgang meiner Tochter mit mir, zum Beispiel durch Krankschreibungen des Kindes. Jetzt torpedieren sie die von Gericht unter der Woche gewährten Treffs mit mir, indem sie schulische Pflichten vorschieben. Mal muss sie eine Arbeit schreiben, mal ist es etwas anderes.

Wir führen einen Kleinkrieg. Die Großeltern streiten sich bei Abholung und Rückgabe meiner Großen um Minuten.

In der Erziehung haben wir verschiedene Ansichten. Wir sagten dem Opa, er müsse mit meiner Tochter mehr üben. Er will nicht sehen, dass sie motorische Probleme hat. Sie darf bei ihm mit acht Jahren nicht allein schaukeln, nicht Radfahren usw. Selbst einfachste Schulsportspiele schafft sie nicht. Mit ihrer Kleidung macht sie sich vor den Mitschülern lächerlich. Sie darf auch nicht zu Freunden gehen.

Ich sehe viele Probleme auf mich zukommen. Ich verstehe den Hintergrund des Verhaltens der Großeltern nicht. Vielleicht können Sie mir helfen, diese Gedankengänge zu verstehen.

G.H. aus Berlin

Lieber Herr H.,

ich denke, die beiden sind im Grunde vernünftige, verantwortungs- und pflichtbewusste Menschen, für die althergebrachte Werte wie Ordnung, geregelter Tagesablauf, stabile Familienverhältnisse, Verlässlichkeit, Pünktlichkeit usw. wichtig sind und die sie auch autoritär durchsetzen.

Sie haben Ihre Tochter als Kleinkind unter ihre Fittiche genommen. Vielleicht aus Mitleid, vielleicht unter Druck der Tochter, vielleicht auch aus einem starken Selbst- und Sendungsbewusstsein heraus, so nach dem Motto: Jetzt zeigen wir euch Versagern mal, wie man ein Kind erzieht!

Egal. Jedenfalls haben sie dem Mädchen in einer offenbar für beide Eltern bewegten, krisenhaften Zeit Stabilität und Sicherheit geboten und werden von ihm geliebt. Sie haben Freiheit aufgegeben und Verantwortung übernommen, obwohl sie zu nichts verpflichtet gewesen wären. (Sie hätten genauso gut auf den Kanarischen Inseln alle Fünfe gerade sein lassen können.)

Die beiden Alten sind zu Recht stolz auf ihre ungewöhnliche Leistung im Alter. Aus Ihren Zeilen lese ich heraus, dass Sie als Vater das auch anerkennen.

Nebenbei gesagt: Sogar offizielle Stellen haben Oma und Opa seinerzeit die (zeitweilige) Obhut für das Kind zugetraut. Nicht vielen Großeltern gelingt es, so taff zu wirken, dass man ihnen mit über 70 Jahren Kinder überlässt. Sie müssen schon starke Personen sein.

Der Preis für die teilweise Übernahme der Elternpflicht durch die Großeltern ist in Ihrem Fall offenbar Überbehütung des Kindes. Die sieht man auch oft bei „späten“ Müttern. Sie nehmen alles ernst, sind über jede Kleinigkeit extrem besorgt, wollen alles kontrollieren, können nicht loslassen.

Sie als Vater sehen die Gefahr (wie auch die motorischen Defizite der Tochter und ihre nicht altersgerechte Art der Kleidung) und sind besorgt. Fakt ist aber, Sie kommen nicht weiter, wenn Sie nicht mit den Großeltern kooperieren. Das Gericht kann zehnmal auf Ihrer Seite sein, alle Beschlüsse bleiben Papier, wenn Oma und Opa quer schießen.

Überdenken Sie Ihre Taktik. Alles, was Sie an Annikas Verfassung auszusetzen haben, betrachten die Großeltern als Kritik an sich selbst.

Versuchen Sie es doch einfach mal mit einem fetten Lob für die Ex-Schwiegereltern. Das stimmt milde und ist ein guter Einstieg, angehört zu werden. Würdigen Sie, was Annika unter der Obhut der Großeltern erreicht hat. Vielleicht ist sie z.B. besonders einfühlsam, hilfsbereit und kennt mehr Geschichten als andere Kinder. Irgendetwas lässt sich sicher finden, was Sie auch ehrlich meinen.

Machen Sie sich die Mühe und erzählen beim Abholen beiläufig ein wenig von sich selbst und Annikas Umgang mit den neuen Geschwistern. Das schafft Vertrauen und macht es den Großeltern leichter, Annika zu Ihnen zu lassen, wo sie näher am Leben dran wäre. Bestimmt freut sich die Oma, wenn Sie ihr z.B. sagen, dass Annika bei ihr gelernt hat, liebevoll mit der neuen kleinen Schwester umzugehen. Sprechen Sie über Ihre Sorgen, fragen Sie die Großeltern nach Meinungen zu allgemeinen Themen, tun Sie diese nicht ab.

Die Zeit ist auf Ihrer Seite. Ich kann mir vorstellen, dass den Großeltern das Kümmern um Annika zunehmend schwer wird, selbst wenn sie sich das nicht eingestehen. Statt etwas von ihnen zu fordern, sollte man sie schrittweise entlasten. (Vorsicht! Nicht dass die beiden dabei das Gesicht verlieren und Schwäche bekennen müssen.)

Die Kleiderfrage ist vergleichsweise einfach zu lösen. Annika darf nicht tantig angezogen sein. In ihrem Alter sollte sie Gelegenheit haben, ihren Geschmack zu entwickeln. Legen Sie zusammen. Outfits z.B. bei H&M sind wirklich erschwinglich. Kaufen Sie einmal pro Saison ein paar Teile, nehmen Sie zum Shoppen eine gleichaltrige Freundin mit. Es muss nicht viel und teuer sein. Mit acht kann Annika ihr Lieblings-T-Shirt auch abends auswaschen, dann ist es morgens wieder einsatzbereit.

Uta Alexander

Veröffentlicht am 30. März 2007. (1876 Tage alt) in Kummerkasten
 

„Stimmts, Opa“, sagte Anton gestern dicht an meinem Ohr, „das Leben ist ungerecht.“ „Und gefährlich, Alter!“, ranzte ich ihn wütend an. Der Kerl hatte mich aus dem schönsten Schlummer geschreckt.

weiter

kussmann