Frühlings-Putzschub

„Ich weiß nicht mehr weiter“, sagte Wiebke gestern. In ihren Augen stand echte Verzweiflung.

Seit Tagen versucht sie, ihr Zimmer aufzuräumen.

Brigitte führt den plötzlichen Ausbruch auf die Frühlingssonne zurück. Sie glaubt ernstlich, dass die bei Frauen eine Art Putztrieb auslöst. Sie bot Wiebke ihr Meister-Proper-Zeug mit Zitrusduft und ein Sortiment innovativer Lappen mit Noppen an.

„Danke, Oma, aber das ist Quatsch“, sagte Wiebke. „Man kann erst putzen, wenn man alles geordnet hat. Ich hab einfach zuviel Sachen.“

Zwei Tage lang probierte sie sämtliche Klamotten an, die sie besitzt, und sortierte zwei von schätzungsweise 50 T-Shirts als unbrauchbar aus.

Danach waren Spiele und dann die Schulsachen dran. Ein Stapel Hefter ist dafür ausersehen, nach Schulschluss feierlich verbrannt zu werden. Kann also nicht weg.

„Was sagst du als Pädagoge dazu?“, fragte ich Roland.

„Immerhin hat sie die Absicht, die Schule zu beenden“, sagte er gereizt.

Ordnung ist ein wunder Punkt von ihm. Seit es seine Mutter nicht mehr macht, lässt er Beate sein Zeug wegräumen. Sein Leben lang fragt er andere, wo was liegt.

Ich frage mich, ob wir in der Erziehung versagt haben.

Vielleicht könnten wir bei Wiebke alles besser machen. Ein Ultimatum stellen. Oder eine Erfolgsprämie ankündigen.

Um die richtige Taktik auszuwählen, muss man sich ein Bild der Lage verschaffen.

Durch einen Stapel Umzugskästen und mit Socken gefüllter Obststiegen schlug ich mich zu Wiebkes Bett durch. Es war nicht mehr wirklich zu sehen weil die Schubfächer der Kommoden darauf standen. Wiebke kniete davor, ein Häufchen Unglück inmitten einer Explosion.

„Da kannst du nix mehr sagen, Opa, stimmt’s“, stöhnte Wiebke und sah mich resigniert an.

„Doch“, sagte ich gerührt. „Schlaf bei uns.“

Wo Pädagogik versagt, hilft die Zeit. Spätestens am Sommeranfang ist der Frühling vorbei.

Veröffentlicht am 26. März 2007. (1880 Tage alt) in Kussmann
 

„Stimmts, Opa“, sagte Anton gestern dicht an meinem Ohr, „das Leben ist ungerecht.“ „Und gefährlich, Alter!“, ranzte ich ihn wütend an. Der Kerl hatte mich aus dem schönsten Schlummer geschreckt.

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