Ostblöckchen. Eine Kindheit in der Zone.

Ostbl_ckchen

Autor Michael Tetzlaff ist keiner von uns. Sondern Jahrgang 1973. Ein Ex-DDR-Thüringer und Simpsons-Fan, der heute in Frankfurt am Main lebt und als Redakteur der Frankfurter Rundschau seine Brötchen verdient.

Seine Eltern sind in etwa unser Alter, umso neugieriger ist man auf sie. Wie haben eigentlich die Ossis ihre Kinder erzogen? Extrem pragmatisch, wie man erfährt.

Aus der Danksagung geht hervor, dass ein Kollege Tetzlaff zu der Kolumne im Feuilleton angestiftete, aus der später sein Buch-Erstling wurde. Wir sollten ihm (es war Harry Nutt) auch danken. Denn sonst hätten wir nie erfahren, wie sich eine späte „Kindheit in der Zone“ anfühlte.

Gewidmet ist das Buch Oma Lisbeth, bei der Tetzlaff die ersten drei Jahre seines Lebens verbrachte. (untypisch, aber praktisch)

Ursprünglich wohnten Tetzlaffs Eltern bei ihr. Bis zur Geburt des Sohnes. Dann zogen sie aus. „Jetzt ist der da und die Scheiße geht los“, äußerte sich Tetzlaffs Papa laut den Überlieferungen seine Freunde.

Weiter als zwei Kilometer ist die Familie nicht gekommen. Für ein Kind mit Fahrrad, das sich gern verwöhnen ließ, keine unüberbrückbare Distanz.

Großmütter spielen überhaupt die tragende Rolle im Leben von Michael. Er hatte drei davon, aber Mamas Mama Elisabeth, die Kochkünstlerin und Rumkaffee-Liebhaberin, ist seine zentrale Bezugsperson. Die anderen sind „Oma Roland“, eine mausgraue Langweilerin, die nur Hackbraten mit Mischgemüse kochen konnte und die „Westoma“, „Soma“ genannt, die zuverlässig Aversionen auslöste.

Als gesamtdeutsch kann gelten, dass Kinder es hassen, wenn Mütter sie zum Fasching kostümieren, ihnen schnurgerade Scheitel ziehen, dass sie von grünen Äpfeln Durchfall kriegen, Onkel haben, die gern mit Motorsägen rummachen, und Opas, die maulfaul und trotzdem cool sind. Gesamtdeutsch sind auch „Formel Eins- Übertragungen“, Leberkäse, Moderatorin Stefanie Tücking, Dieter Tomas Heck und AC/DC. Sowie jungenhafte Begeisterung für Moto-Cross.

Eine Kindheit in der Zone unterschied sich aber doch von anderen deutschen Kindheiten. Zum einen durch den obligatorischen Besuch eines Kindergartens, in dem das Outfit aus Strumpfhosen und Schürze bestand, wo man morgens mit Brottasche und Hausschuhen antrat und Tischdienst hatte.

Zonen-Extras sind weiterhin als Kind erlebte Mai-Demonstrationen, Feste wie der Tag der Genossenschaftsbauern oder der Welttag der Meteorologie, sowie Westbesuch und Westpakete, die beide keine große Begeisterung erweckten (letzteres für mich nicht nachvollziehbar, da sie doch in Zeiten von Mix-Kaffee obligatorisch „Jacobs Krönung“ enthielten, sowie Fa-Seife und Strumpfhosen. Aber Kind Tetzlaff kam wohl gut ohne Kaffee und Seife klar und hatte zu Strumpfhosen ohnehin ein gestörtes Verhältnis) Es gab Autos mit der Bezeichnung Garant K 30, Schulen mit „Schulgarten“, Werkunterricht und dem erklärten Programm, Kinder zu Kommunisten erziehen zu wollen, was Papa Tetzlaff in arge Erklärungsnöte brachte. Kinder hatten Eltern, die nur zuhause deutlich sagten, was sie dachten.

Oder ist das doch nicht nur DDR-typisch gewesen?

Wer sich ein Urteil bilden will, kann das bei der Lektüre des knapp 200 Seiten umfassenden „Ostblöckchens“ im Taschenbuch-Format mit viel Vergnügen tun. Der Pieper-Verlag brachte es unter „Boulevard“.

U.A.

Veröffentlicht am 8. März 2007. (1795 Tage alt) in Buchtipps
 

„Stimmts, Opa“, sagte Anton gestern dicht an meinem Ohr, „das Leben ist ungerecht.“ „Und gefährlich, Alter!“, ranzte ich ihn wütend an. Der Kerl hatte mich aus dem schönsten Schlummer geschreckt.

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kussmann