Mein erfundenes Land

Alejandro, Enkel der Schriftstellerin Isabel Allende, überraschte seine Großmutter vor dem Spiegel als sie gerade „die Landkarte meiner Falten“ studierte. „Keine Bange“, sagte er. „Drei Jahre lebst du mindestens noch“. Da entschied sie, ihr Leben noch einmal zu betrachten.
Ergebnis ist das mit leichter Hand geschriebene Buch „Mein erfundenes Land“, in dem sie ihre frühesten Erinnerungen an Chile schildert, - das Land, das sie nach dem Militärputsch 1973 für immer verließ und von dem ihre Enkel glauben, es sei ein erfundener Ort.
Überragende Figur ihrer Kindheit ist Großvater Agustin, „ein Mann wie Gott, unfehlbar, allgegenwärtig und mächtig“, in dessen fast ein Jahrhundert dauerndem Leben sich „nicht eine einzige Schraube im Kopf lockerte“. Ihm verdankt die Schriftstellerin einen Fundus an Märchen, Gedichten und Geschichten, die Liebe zur Sprache und zur Natur, aus dem sie heute noch schöpft. Umringt ist der alte Baske mit der Hakennase von einem Clan aus Onkeln, Tanten, Großtanten, Vettern, Cousins, Dienstmädchen, armen Verwandten und Hausgästen, - einem Taubenschlag kauziger Leute, „verrückt, aber nicht gemeingefährlich.“
Eine intelligente, an keiner Stelle langweilige Lektion in Geschichte, deren roter Faden eine private Lebensgeschichte ist. Amüsant und unverhofft waren für mich die Schilderungen des Nationalcharakters der Chilenen, die sich in Denken und Temperament von anderen Lateinamerikanern so deutlich unterscheiden, und zwar aus nachvollziehbaren Gründen.
U.A.
Isabel Allende, "Mein erfundenes Land", Suhrkamp,ISBN 3-518-41830-0


