Das fünfte Jahr

Klettermax
Klettermax auf Opas Nussbaum. Er rechnet fest damit, für seinen Mut gelobt zu werden. Foto: A. Thomas

Fünfjährige sind umgängliche Menschen: ausgeglichen, zufrieden mit sich und der Welt, hilfsbereit, tüchtig, nachdenklich und vernünftig. Ihr wichtigstes Bestreben ist es, gelobt zu werden und zu gefallen.

Sie sind vollwertige Gesprächspartner für Erwachsene und fassen auch schon abstrakte Ideen in Worte. Sie haben ein Zeitgefühl entwickelt und können warten, zum Beispiel auf ihren Geburtstag in zehn Tagen oder dass Oma vom Wäscheaufhängen wiederkommt.

Moral, Gewissen und Verantwortungsgefühl sind erstaunlich ausgeprägt. Es ist unmöglich, eine Batterie in den Hausmüll zu werfen, wenn der Enkel daneben steht, der weiß „das ist schlecht für die Umwelt!“

Einem fünfjährigen Kind kann man vertrauen. Es wird sogar Dinge tun, die es nicht will, wenn es sie versprochen hat. Es wird sich bei anderen Leuten so benehmen, wie man es ihm in seiner Familie beigebracht hat: Grüßen, bitte und danke sagen...

Wirkliche Verbote, die immer gelten, kann man auf ein Minimum beschränken, z.B.: Nicht am Bahndamm spielen!

Man sollte einem Fünfjährigen, wenn er ein Problem hat, nicht mehr unbedingt sofort eine Lösung vorschreiben. Lassen Sie ihn selbst denken. Aha, der Schlüssel ist weg. Die Schuhe sind nass nach einem Marsch durch die Pfützen... Auf die sachliche Frage: „Was wirst du jetzt unternehmen?“ kommen oft hoch interessante Antworten. Lassen Sie sich das nicht entgehen.

Natürlich sind Fünfjährige nicht perfekt, aber wer ist das schon? Einige ihrer typischen Eigenheiten sind nervenaufreibend und liebenswert zugleich:

Die ewige Warum-Fragerei

Fünfjährige fragen jedem Löcher in den Bauch, den sie greifen können. Manchmal sind diese Fragen herzerweichend tiefsinnig und inspirieren uns zu großen Gesprächen über das Leben an sich. Zum Beispiel: Woher kam der erste Affe? Warum scheint nachts keine Sonne? Warum müssen alle Menschen sterben? Was hast du gesagt, als ich geboren war? Solche Dialoge machen Spaß. Geduldige Großeltern haben jetzt ihre große Zeit.

Tipp: Sie brauchen nicht so tun als wären Sie allwissend.

Manchmal sind die Endlos-Frageketten lästig. Vor allem, wenn die Fragen sinnlos erscheinen. Beispiel: Warum sind Kühe?

Tipp: Nicht abwiegeln, es ist nicht unbedingt so gemeint, wie Sie denken. Kinder stellen Warum-Fragen manchmal nur, um das Gespräch nicht abbrechen zu lassen. Sie wollen gar keine langatmige Erklärung hören. Ziehen Sie also keine an den Haaren herbei. Unterbrechen Sie das Kind einfach mit einem Vorschlag: Möchtest du, dass ich erzähle, was ich über Kühe weiß?

Gebietsansprüche und Ich-Gefühl

Kinder sind jetzt ganz gern mal allein. In ihr Rückzugsgebiet (die Höhle unterm Tisch, das Versteck im Schuppen oder auch das ganze Kinderzimmer) lassen sie nur geladene Gäste. Respektieren Sie das. Zauberwort in dieser Zeit: das Wörtchen „geheim“: Geheimversteck, Geheimversprechen...

Das gewachsene Gespür für die eigene Persönlichkeit zeigt sich auch in der Vorliebe für bestimmte heiß geliebte Kleidungsstücke. Etwa die Jacke des Fußball-Vereins. Die wird zur Not auch aus der schmutzigen Wäsche herausgefischt. Drängen Sie Kindern nicht Ihren Erwachsenen-Geschmack auf, auch wenn Sie mit ihnen fein ausgehen wollen. Das Kind wird sich nicht wohl fühlen.

Ängste vor Katastrophen und Unheil

Ängste befallen Fünfjährige manchmal aus scheinbar nichtigem Anlass. Feuer, Gewitter, Krankheiten, große Hunde, eine fremde Umgebung ... all das kann regelrechte Panik auslösen. Sendungen von Waldbränden, Erdbeben, Monsterwellen, weiße Haie, Gammelfleisch oder über den 11. September können Kinder zutiefst verstören. Lassen Sie sie mit so etwas nie allein.

Ich erinnere mich, wie meine Tochter wild schluchzte: „Jetzt muss ich sterben!“ Sie hatte den Zeigefinger in eine Fingerhut-Blüte gesteckt. Ich rief: „Vorsicht, die Pflanze ist giftig.“ Ebenso verheerend kann die Reaktion sein, wenn das Kind sein eigenes Blut sieht oder sich einen Splitter eingerissen hat.

Kinder abhärten zu wollen, indem man abwiegelt oder sie sogar auslacht, ist eine sehr fragliche Taktik, meint Buchautorin Penelope Leach. Besser: Mit beruhigenden Worten nicht sparen.

Wichtig: Manchmal schnappen Kinder Gesprächsfetzen Erwachsener auf oder hören Worte, die sie nicht verstehen. Das kann sie über viele Tage verunsichern. Sie glauben, eine Katastrophe drohe: Umzug, Scheidung, jemand in der Familie wird schwer krank... Versuchen Sie nicht, Kinder zu täuschen und ihre Sorgen abzutun. Sie werden eher mit Problemen fertig, die ihnen ehrlich erklärt werden.

Kraftmeierei, Angeberei und Selbstlob

Körperliche Leistungsfähigkeit spielt jetzt eine große Rolle. Fünfjährige, auch die Mädchen, wollen stark, schnell und geschickt sein. Sie klettern, balancieren und rennen gern um die Wette. Manchmal überschätzen sie dabei ihre Fähigkeiten. Wichtig: beim Spielen mit Gleichaltrigen sollte eine Aufsichtsperson dabei sein. Diskret im Hintergrund, versteht sich. Das hält Übermut in Grenzen.

„Mein Rad hat mehr Gänge als deins!“, „Mein Papa hat ein schnelleres Auto als deiner!“ Solche Prahlerei der Kinder ist Erwachsenen peinlich. Gut zu wissen: Kinder sehen das als Spiel, eine Art „Verbaltennis“. Man kann hoffen, dass es bald wieder aufhört.

Tipp: Einschreiten sollte man nur, wenn folgenden Fragen mit Ja beantwortet würden: Will das Kind mit seiner Angeberei bewusst ein anderes beleidigen? Prahlt es, weil es sich klein, unwichtig und unterlegen vorkommt? Bekommt das Kind, das sich oft selbst lobt (Stimmts, das habe ich gut gemacht!) zu wenig Anerkennung?

Kraftausdrücke und Beleidigungen

Lieblingswitze Fünfjähriger sind ziemlich derb und haben meist etwas mit Pipi oder Kaka zu tun. Worte wie „Pups“ werden mit großer Begeisterung aufgenommen... Fassen Sie sich in Geduld. Humor braucht etwas Training, ehe er sich entwickelt. Legen Sie nicht alles auf die Goldwaage.

Das Gefühl für Feinheiten der Sprache muss sich überhaupt erst herausbilden. Nicht zuletzt deshalb führen Kinder häufig Selbstgespräche. (die gehen später in einen inneren Monolog über)

Sehr beleidigend können spontane Bemerkungen der Kinder rüberkommen: „Oma, du blöde Kuh!“ Natürlich könnten Sie jetzt Ihre Entrüstung zeigen. Eleganter: „Wenn ich eine Kuh bin, bist du ein Kalb.“ Die Attacke endet dann in Gelächter.

Lügen und Feilschen

Die Phantasie Fünfjähriger treibt Blüten, manchmal lügen und erfinden sie das Blaue vom Himmel herunter. Und glauben sogar selbst ganz fest daran.

Das ist nicht so schlimm, solange das Kind die Bedeutung der Wahrheit kennt. Wer zum Beispiel Bauchschmerzen erfindet, um sich wichtig zu machen, dem wird nicht geglaubt, wenn er mal wirklich welche hat.

Im Allgemeinen sind Fünfjährige besonders eifrige Helfer, weil sie stolz sind, etwas schon zu können. Manchmal neigen sie allerdings zum Feilschen: Ich lasse mir nur die Haare waschen, wenn ich zwei Gute-Nacht-Geschichten kriege. Man darf sich ruhig manchmal darauf einlassen. Bestechen Sie Kinder aber nicht, z.B. mit Geld, Naschereien oder Ähnlichem, wenn Sie etwas von ihnen wollen. Richtig Belohnen heißt, einen Anreiz für eine Tätigkeit bieten. Beispiel: "Wenn du dir schnell allein die Haare wäschst, habe ich Zeit für zwei Gute-Nacht-Geschichten."

PS: Das fünfte und sechste Lebensjahr werden häufig als Vorschulalter bezeichnet. Heute sagt man lieber frühe Kindheit, denn die Vorbereitung auf die Schule trifft nicht den Kern.

Es ist ein eigener, spannender Entwicklungsabschnitt. Sagen Sie nie: Jetzt kannst du noch schön spielen, dann wird es ernst, dann wird gelernt. Das Kind lernt jetzt schon jeden Tag etwas und das macht Spaß.

Quellen/Lesetipps: Anna Wahlgren „Das Kinderbuch“, Beltz-Verlag; Penelope Lach, „Die ersten Jahre deines Kindes“, dtv, Barbara Lukesch, Zürich, „Wie sich der Humor der Kinder entwickelt“

Veröffentlicht am 8. Februar 2007. (1926 Tage alt) in Von Null bis 18
 

„Stimmts, Opa“, sagte Anton gestern dicht an meinem Ohr, „das Leben ist ungerecht.“ „Und gefährlich, Alter!“, ranzte ich ihn wütend an. Der Kerl hatte mich aus dem schönsten Schlummer geschreckt.

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kussmann