Großeltern ehrenhalber

Ingrid Behrendt (links) und Helga Krull bringen Wunsch-Großeltern und Wunschenkel zusammen. Fotos: Uta Alexander
Wer keine Enkel hat oder die eigenen weit weg wohnen, findet vielleicht welche in der Nachbarschaft. So wie 450 ehrenamtliche Großeltern in Berlin, vermittelt durch den Berliner Großelterndienst. Doch mindestens 1000 kleine Mädchen und Jungen warten noch auf ihre Wunschoma oder den Wunschopa.
GrosselternReport sprach mit Helga Krull und Ingrid Behrendt vom Berliner Grosselterndienst, die viele Enkel-Patenschaften begleiten.
GroßelternReport (GR): Bei Ihnen kann man Enkel finden?
Helga Krull: Der Großelterndienst Berlin vermittelt Wunschomas an Wunschenkel. Dahinter steckt das Bemühen, allein erziehende Mütter bei der Betreuung ihrer Kinder zu unterstützen und gleichzeitig älteren Menschen eine sinnvolle Aufgabe zu geben.
GR: Das klingt recht spröde…
Ingrid Behrendt: … macht aber großen Spaß. Ich bin schon seit 1999 dabei und habe miterlebt, wie Omas und Enkel zusammenfanden. Viele Frauen sind geradezu aufgeblüht, weil sie nun einen neuen Lebensinhalt haben. Und für die Kinder ist es auch schön, wenn eine Oma Zeit für sie hat und sie ein bisschen verwöhnt.
Jungen und Mädchen, die ohne Vater aufwachsen, sind oft sehr sehr froh über einen Opa. Manche sehen bei den Großeltern erstmals eine intakte, langjährige Ehe.
GR: Wieviele Wunsch-Großeltern haben Sie in ihrer Kartei?
Helga Krull: Im Moment betreuen 450 Großeltern 690 Kinder. Aber 1000 Mütter suchen noch Omas und Opas. Oft, weil keine eigenen Großeltern da sind oder sie weit weg wohnen.
GR: Wer kann Wunschoma oder –opa werden? Braucht man dafür eine besondere Qualifikation?
Ingrid Behrendt: Das wichtigste ist, dass die Großeltern Zeit für die Kinder mitbringen. Und das regelmäßig. Außerdem sollten sie neugierig und offen sein und möglichst vital. Denn die Enkel sind zwischen 0 und 10 Jahre alt, da braucht man schon einige Kondition.
GR: Wie alt sind die Großeltern?
Helga Krull: Im Durchschnitt Anfang 60. Bewerben können sich Interessenten zwischen 50 und 70 Jahre. Aber wir sehen diese Altersgrenzen nicht dogmatisch. Ich sage immer, man muss so fit sein, dass man sich auf die Ebene der Kinder begeben kann, das heißt, man muss auch mal auf dem Boden hocken. Oder ein kleines Kind hochheben können.
GR: Wie finden Enkel und Großeltern konkret zueinander?
Helga Krull: Die interessierten Großeltern rufen uns an und wir nehmen sie in unsere Kartei auf. Die Mütter und Väter der Kinder, die eine Oma oder einen Opa suchen, stellen bei uns einen Antrag. Darin schreiben sie auf, warum sie eine Oma suchen und welche Betreuung sie brauchen. In der Regel kommen die Großeltern ein- oder zweimal in der Woche für zwei bis sechs Stunden zu den Enkeln.
Ingrid Behrendt: Manche Eltern verstehen das Angebot aber auch falsch. Sie suchen eher einen Babysitter als eine Oma. Denen können wir nicht helfen, denn wir streben langfristige Beziehungen, fast familiäre Beziehungen an. Deshalb verwenden wir auch nicht den allgemein gebräuchlichen Begriff Leihoma, sondern sagen eben Wunschoma.
Wer möchte, dass seine Kinder Kontakt zu älteren Menschen bekommen und mit ihnen aufwachsen, ist bei uns richtig. Einer unserer Omas stellte der inzwischen erwachsene Enkel gerade seine Freundin vor. Das war ihm wichtig.
GR: Es ist sicher gar nicht so einfach, die richtigen Familien zusammenzubringen…
Helga Krull: … da muss man mit Fingerspitzengefühl vorgehen. Zuerst treffen sich Mütter oder Väter mit den Großeltern in den Räumen des Großelterndienstes, sozusagen auf neutralem Terrain und möglichst noch ohne die Kinder. Dort lernen sie sich kennen, entscheiden, ob sie weitere Kontakte wünschen. Manchmal ist das gleich ein Volltreffer. Aber oft kommt es auch vor, dass zwischen den Müttern und Großmüttern irgendetwas nicht stimmt. Dann hat es auch keinen Zweck. Liebe auf den ersten Blick ist selten, von jedem dritten Versuch klappt vielleicht einer
Ingrid Behrendt: Wir haben ja in unserem Büro schon hunderte solcher Gespräche miterlebt. Oft ahnen wir schon, ob es was wird oder nicht, bevor die Betreffenden sich selbst darüber im Klaren sind. Mitunter kommt die Erkenntnis auch viel später und die Großeltern gestehen sich erst nach Wochen oder Monaten ein, dass es doch nicht die richtige Familie für sie ist.
GR: Was unternehmen Großeltern mit ihren Wunschenkeln?
Helga Krull: Ach, das müssen gar keine großen Aktionen sein. Ein Spiele-Nachmittag zu Hause, Vorlesen, Basteln oder Handarbeiten – beim Oma-Tag genießen es die Kinder, im Mittelpunkt zu stehen, die Aufmerksamkeit eines Erwachsenen ganz für sich allein zu haben. Natürlich freuen sie sich auch über einen Besuch im Zoo oder im Erlebnisbad. Aber das sollte schon etwas Besonderes bleiben.
Ingrid Behrendt: Wir laden die Großeltern regelmäßig zum Gesprächsfrühstück ein, bei dem sie ihre Erfahrungen austauschen. Es gibt auch Weiterbildungsnachmittage mit Psychologen, Familientherapeuten und Pädagogen. Inzwischen haben sich die Großeltern so gut kennen gelernt, dass sie öfter mal gemeinsam etwas unternehmen – mit und ohne ihre Wunschenkel.
GR: Die Großeltern arbeiten ehrenamtlich. Bekommen sie eine Aufwandsentschädigung?
Helga Krull: Die Eltern der Kinder zahlen eine Aufwandsentschädigung von 4 Euro für die 1. bis 5. Betreuungsstunde und 2,50 Euro für jede weitere Stunde. Das deckt gerade einmal die Kosten, die die Großeltern für Fahrten, kleine Geschenke, Süßigkeiten usw. haben.
Eltern, die nicht in der Lage sind, das zu zahlen, können sich trotzdem beim Großelterndienst bewerben. Einige Helferinnen sind bereit, in Notsituationen auf die Aufwandsentschädigung zu verzichten.
Ingrid Behrendt: Die ist zwar nicht hoch, für manche ältere Leute aber doch viel Geld. Vor allem für Hartz-IV-Empfänger. Trotzdem sollte das Geld nicht der entscheidende Grund sein, Wunschoma oder –opa zu werden.
GR: Es zeichnet sich ab, dass der Bedarf an ehrenamtlichen Großeltern wachsen wird. Wie stellt sich der Großelterndienst Berlin darauf ein?
Helga Krull: Wir brauchen dringend ehrenamtliche Helfer, die uns bei der Büroarbeit unterstützen. Schön wäre es auch, wenn wir mehr Räume hätten. Jetzt führen wir die Gespräche mit den Familien in unseren Büros in der Warschauer Straße und in der Ansbacher Straße. Vor allem im Büro in der Warschauer Straße ist es sehr beengt.
Um neue Großeltern zu finden, wollen wir mit der Volkssolidariät zusammenarbeiten. Dort engagieren sich viele ältere Menschen, die vielleicht auch Interesse haben, einen Enkel zu betreuen.
Katja Fischer
Weitere Informationen: Nicht nur in Berlin gibt es Vermittlungsstellen für Großeltern und Enkel. Bundesweite Informationen findet man auf der Internetseite Leih-Omas und Leihopas. Dort sind in einer Datenbank Vermittlungsstellen aus allen Bundesländern zusammengestellt.


