Enkel heißt "kleiner Ahn"
Der Begriff „Enkel“ bedeutet Kindeskind. Aber woher kommt er eigentlich?
Wie das Deutsche Herkunftswörterbuch (Duden) erklärt, geht das Wort auf das mittelhochdeutsche „eninkel“, eine Verkleinerung von „Ahn“ zurück. Der Enkel ist somit der wiedergeborene Großvater. Da war es nur logisch, ihm oft auch den Namen des (verstorbenen oder noch lebenden) Opas zu geben. Im Verständnis vieler Völker vererbten sich so auch Kraft und Glück auf die Nachkommen.
Gern zitiertes Beispiel ist das Geschlecht der Karolinger, in dem sich die Namen Karl und Pippin mehrfach wiederholen.
Viele Völker kennen Ahnenkult in verschiedenen Formen und nehmen ihn noch heute sehr ernst. Die tiefere Bedeutung dieser, für uns manchmal verwunderlichen oder sogar verstörenden Praktiken sind Identitätsstiftung, Selbstbesinnung, Besänftigen böser Mächte, Suche nach Beistand und Bestätigung.
Die früheren Bewohner der Türkei beispielsweise bestatteten ihre Toten direkt unter ihren Schlafplätze. Und zwar ganz oder teilweise.
In Jerichow stellte man sich die geschmückten Schädel verstorbener Angehöriger im Haus auf. Bei den Indianern symbolisierte ein Totem, d.h. ein heiliges Tier die Ahnenlinie. Die Madegassen besänftigen Tote, indem sie sie ausgraben, mit ihnen feiern und sie dann wieder eingraben.
Im heutigen China, wo der Tod als Schlaf gilt, kann die Seele eines verstorbenen Vorfahren herbeigerufen und bewirtet werden. In Mexiko singt, trinkt, tanzt und speist man jedes Jahr im November mit Skeletten aus Schokolade. In Neuguinea verzehrt man rituell die Asche des Angehörigen, um ihn vor dem Verschwinden, also dem Vergessen, zu bewahren.
Auch in unserem Kulturkreis haben sich, weitgehend verfremdet und unerkannt, Anklänge an rituelle Praktiken des Ahnenkults erhalten.
So ist das bei Katholiken übliche Aufstellen einer Kerze für die Toten möglicherweise auf früher darzubringende Brandopfer für Ahnen zurückzuführen.
Die Porträtsammlung unserer Vorfahren, die manchmal in Öl an der Wand hängt oder in Foto-Rahmen auf der Kommode drapiert ist, hat Parallelen zum „Hausaltar“, vor dem beispielsweise in China noch heute jede wichtige Familien-Entscheidungen getroffen wird.
Auch Jugendliche im 21. Jahrhundert mitten in Deutschland rufen manchmal, halb ernst, halb spielerisch, die Geister der Verstorbenen an und fragen um Rat in Lebensfragen, so wie es Menschen in der Frühzeit taten.
Und wenn, wie oben beschrieben, der Enkel den Namen des Großvaters weiter trägt, ist das nicht nur eine schöne Familientradition. Sondern auch so etwas wie eine heimliche Bitte, dass die Kraft und das Wohlwollen der Familie das Kind auf seinem Weg tragen möge.


