Doris Heinze, 52: „Ganz plötzlich war die Verbindung unterbrochen...“

Omamittasche1
Meine liebe Oma. Kinderzeichnung, privat. Foto: A.Thomas

Doris Heinze ist jetzt das dritte Weihnachten ohne Kontakt zu ihren Enkeln Julian (3) und Maria (5) nachdem sie beide sieben Monate in Pflege hatte. Ihr sehnlichster Wunsch für 2007 ist es, die Enkel ganz normal treffen zu können und sicher zu sein, dass es ihnen gut geht.

GrosselternReport sprach mit Doris Heinze*. Sie ist 52, Mutter von vier Kindern, verheiratet mit Tischlermeister Werner Heinze, 55, und betreibt eine kleine Gärtnerei.

GR: Wie kam es, dass Maria und Julian so lange bei Ihnen lebten?

Doris Heinze: Unsere Tochter, 31, hat seit zwölf Jahren ein Drogenproblem. Immer wieder hofften wir, dass sie sich fängt. Wir boten ihr eine Wohnung in unserem Haus an, aber das lehnte sie ab. Nach der Geburt des zweiten Kindes nahm sie einen Anlauf, auf Entzug zu gehen und eine Therapie zu beginnen. Wir wollten helfen und nahmen die Kinder. Julian war damals 14 Tage alt, das Mädchen gerade zweieinhalb Jahre. Das sollte eine provisorische Lösung sein. Wir hofften, alles wird gut.

GR: Wie funktionierte in dieser Zeit der Kontakt mit den Eltern?

Doris Heinze: Nur sehr lose. Es gab sporadische Telefonate und kurze Besuche. Wir waren die Bezugspersonen für die Kinder. Es war Tochter und Schwiegersohn auch gleichgültig als der Kleine zwischendurch einmal sehr krank wurde. „Du bist ja da“, sagte meine Tochter. Sie fühlte sich frei und ungebunden. Wir kamen voll für den Unterhalt der Enkel auf. Das monatliche Kindergeld behielten die Eltern. Schließlich meldeten sie sich anderthalb Monat lang gar nicht mehr.

GR: Da stellten Sie einen Antrag auf Übertragung des Sorgerechts.

Doris Heinze: Ja, weil wir sahen, dass die Eltern nicht in der Lage und nicht interessiert waren, ihre Kinder groß zu ziehen. Das Drogenproblem meiner Tochter besteht heute noch, ich will das nicht weiter ausmalen. Zur Zeit ist sie in Haft und will uns weder sehen noch sprechen.

GR: Ihr Antrag wurde abgelehnt...

Doris Heinze: ... aufgrund einer Einschätzung einer Mitarbeiterin des Jugendamtes, die Kinder und Eltern nie zuvor gesehen hatte. Die Folge war, dass beide Kinder innerhalb von zwei Tagen zu ihrem Vater ziehen mussten, der zwei Autostunden von uns entfernt in Hannover lebt. Das Baby kannte ihn gar nicht. Das kleine Mädchen wusste mit Papa sichtlich nichts anzufangen und er mit ihr auch nicht. Die Kinder hingen an uns und den Onkeln, sie waren mir ans Herz gewachsen, aber wir konnten nur noch telefonieren.

Maria fragte: Omi, wann kommst du endlich? Ich vertröstete sie auf bald. Sie sagte, sie glaube mir das nicht mehr. Da wollte ich sie nicht weiter belügen und sagte: Das musst du Papa fragen. Papa ist böse, sagte sie. Plötzlich war die Verbindung unterbrochen...

GR: Was glauben Sie, ist passiert?

Doris Heinze: Er unterstellt mir, ich beeinflusse die Kinder negativ. Ich bin aber selbst Mutter und vernünftig genug, kleinen Kindern nichts Schlechtes über Mama und Papa zu sagen. Ich habe beide immer entschuldigt, wenn sie nicht kamen: Mama ist krank, Papa muss arbeiten... Er arbeitet längst nicht mehr in seinem Beruf als Klempner, sondern lebt von Hartz IV und Kindergeld. Das ist leichter verdientes Geld. Er setzte eine Besuchssperre für uns durch.

GR: Warum gleich so radikal?

Doris Heinze: Das frage ich mich auch. Es macht mir Angst! Was hat er zu verheimlichen, dass wir die Kinder gar nicht sehen dürfen? Fürchtet er, dass die Kleine etwas ausplaudern könnte?

Wenn er uns nicht mag, ist das in Ordnung. Aber zählen denn die Wünsche der Kinder nicht? Sie sind die Dummen. Und wir Großeltern auch. Die Belange der Eltern haben Priorität.

GR: Wie empfanden Sie, als das Schicksal von Kevin publik wurde, dem Zweijährigen, der bei seinem drogensüchtigen Vater starb?

Doris Heinze: Das war für mich der Auslöser, an Behörden zu schreiben, die dem Jugendamt übergeordnet sind. Dort gelte ich als lästige Querulantin und stoße nur auf taube Ohren. Muss denn das Kind immer erst in den Brunnen fallen?

Durch die Großelterninitiative weiß ich endlich, dass ich gerichtliche Entscheidungen nicht unwidersprochen hinnehmen muss, dass Großeltern durchaus Rechte haben, dass sie sich an höchste Instanzen wenden können. Das gibt mir Mut.

Ich könnte es mir nie verzeihen, wenn ich jetzt klein bei gäbe, und dann passiert etwas mit den Kindern.

GR: Hat denn nie jemand versucht, zu vermitteln, um den Kindern fünf aktive, im Leben stehende Ansprechpartner in ihrer Familie zu erhalten, die Probleme abfedern könnten?

Doris Heinze: Nein, ganz im Gegenteil. Das Jugendamt hat uns immer Steine in den Weg gelegt wenn wir Versuche gestartet haben und uns als uneinsichtige, dumme Großeltern hingestellt, die den Kindeseltern nur Böses wollten. Alle Ansätze, ein klärendes Gespräch zu führen, wurden vom Jugendamt abgeblockt.

GR: Sie wissen jetzt gar nichts mehr von Julian und Maria?

Doris Heinze: Ich bekomme anonyme Anrufe von einer Frau, die mir sagt, die Kinder gingen seelisch zugrunde. Sie würden versorgt, aber wachsen ohne Liebe auf. Die Frau offenbart nicht wer sie ist. Sie bat mich um Verständnis, sie käme sonst privat in Schwierigkeiten. Mein jüngster Sohn riet: Fahr nach Hannover , stell dich vor den Kindergarten, rede mit Maria...

GR: Das tun Sie nicht?

Doris Heinze: Ich möchte ihr nicht wehtun und mir auch nicht. Es gibt nur Tränen, wenn sie mich sieht, aber keine Hoffnung. Ich will dem Kind diesen seelischen Zwiespalt ersparen.

GR: Wie feiern Sie dieses Weihnachten?

Wir sind eine große Familie und kommen alle zusammen. Ich bin nicht mehr ganz so verzweifelt wie 2005. Da kam am Heiligen Abend unser Päckchen mit den Geschenken für die Enkel ungeöffnet zurück. Damit war das Fest für mich gelaufen. Ich saß nur noch unterm Tannenbaum und weinte.

Natürlich gehen meine Gedanken zu Julian und Maria, wie so oft. Theoretisch hätten sie alle Chancen, in einem intakten Umfeld glücklich und zufrieden aufzuwachsen. Einige Möglichkeiten, wenigstens ein normales Umgangsrecht juristisch durchzusetzen, stehen noch aus. Ich hoffe sehr darauf.

*(Die Namen wurden von der Redaktion geändert)

Ein Jahr später fragte GroßelternReport nach, ob sich die Lage entspannt hat. Das zweite Interview im Dezember 2007.

Veröffentlicht am 21. Dezember 2006. (1352 Tage alt) in Vorgestellt
 

„Stimmts, Opa“, sagte Anton gestern dicht an meinem Ohr, „das Leben ist ungerecht.“ „Und gefährlich, Alter!“, ranzte ich ihn wütend an. Der Kerl hatte mich aus dem schönsten Schlummer geschreckt.

weiter

kussmann