Die andere Oma wird vorgezogen
Die Mutter meiner Schwiegertochter geht im Haus meines Sohnes ein und aus wie sie will. Mit mir wird nicht einmal am Telefon gern gesprochen. Ich hörte neulich, wie mein Enkel (14) den Hörer an seine Schwester (12) weiterreichte: Sprich du mit ihr, ich will nicht. Wenn ich da bin, sitze ich manchmal allein im Wohnzimmer. Der Unterschied ist, sie ist jünger, gesünder und reicher als ich. Ich bin 76. Wer hilft mir?
*X.*
Das klingt sehr verbittert, was Sie da schreiben. Fast als ob Sie schon lange auf die Schwiegeroma eifersüchtig wären. Das kann sehr wehtun und man steigert sich in solche Gefühle leicht hinein.
Verfallen Sie nicht in Selbstmitleid, denken Sie nach. Die Unterschiede, die Sie zwischen sich und der anderen Oma sehen, können eigentlich nicht der Grund sein, warum Sie in der Familie Ihrer Kinder beinahe gemobbt werden, wie Sie es schildern. Was wirklich dahinter steckt, kann ich leider nicht herausfinden. Nur soviel: In den meisten Familien sind es die Großmütter mütterlicherseits, die enger in den Umgang mit den Kindern einbezogen werden. Es ist also nicht unbedingt nur gegen Sie gerichtet.
Ich möchte Ihnen raten, sich nicht auf diesen Kummer zu fixieren. Trösten und unterhalten Sie sich mit Menschen, die sich in Ihrer Gesellschaft wohlfühlen. Aktivieren Sie alte Freundschaften, versuchen Sie in einem Verein neue Bekanntschaften zu knüpfen.
Das klingt vielleicht abgedroschen, aber es funktioniert. Was noch funktionieren könnte, ist, die Familie zu „knacken“. Treffen Sie sich doch mal allein mit Ihrem Sohn. Oder allein mit der Enkelin. Dass die Enkel das eine oder andere Mal nicht mit Ihnen telefonieren wollten, erleben andere Großeltern auch. Teenager sind halt manchmal nicht so gut drauf. Versuchen Sie es wieder.
Tipp für Telefonate: Konkreten Anlass suchen. Kurz halten. Niemals jammern. Keine Vorwürfe a la: Warum ruft ihr nie an? Grundsätzlich als erste auflegen: Tschüss, ich hab noch was vor. Probieren Sie mal. Das wirkt Wunder.
Noch etwas Balsam auf Ihre Seele: Sie haben kostbares Insider-Wissen, das die andere Oma nicht hat. Zum Beispiel über Papas Kindheit. Machen Sie die Enkel neugierig und lassen sie sich nicht zu schnell zu viel entlocken. Außerdem: Die andere Oma wird auch nicht jünger und gesünder.
Uta Alexander


