Lieblingsenkel drückte sich vorm Abschied von Opa

Vor einem Monat starb mein Mann an Krebs. Er war drei Monate schwer krank. Was mich im Nachhinein besonders belastet, ist, mein Enkel, 21, Student, kam nicht, um sich zu verabschieden. Dabei hat ihn mein Mann besonders geliebt. Ich dachte immer, das beruht auf Gegenseitigkeit. Bei der Beerdigung sagte mir der Junge, er habe Opa so in Erinnerung behalten wollen, wie er war. Eine feige Ausrede, finde ich.

Martina T., Bernau

Das Wort „feige“ trifft wahrscheinlich ganz gut, was geschehen ist. Ihr Enkel hatte Angst, dem Tod ins Auge zu sehen. Der Satz, man wolle jemanden gesund in Erinnerung behalten, ist die meistgebrauchte Begründung dafür, sich vor der Begegnung mit Sterbenskranken zu drücken.

Krankheit und Tod werden heute ja überhaupt verdrängt und sind kaum noch Teil des Lebens. Es wird den „Fachleuten“ überlassen, damit umzugehen. Junge Leute werden selten damit konfrontiert, daher die Hilflosigkeit.

Ich kann mir vorstellen, dass Sie noch lange brauchen werden, um zu verarbeiten, was Sie im letzten halben Jahr erlebten. Stoßen Sie jetzt nicht noch Ihren Enkel von sich, weil er Sie mit seinem Verhalten enttäuscht hat. Wie es scheint, war er ja lange Teil Ihres gemeinsamen Lebens mit Ihrem Mann.

Es sieht so aus, als wäre der junge Mann selbst unglücklich darüber, dass er vor dem letzten Abschied von seinem Großvater zurückschreckte. Machen Sie ihm keine Vorwürfe. Er macht sie sich selbst.

Ich glaube nicht, dass Ihr Enkel von sich aus nach den letzten Monaten seines Großvaters fragen wird, denn das weckt immer wieder die Frage: Warum warst du nicht da? Erzählen Sie ihm einfach davon, verschweigen Sie nicht ihre Gefühle. Lassen Sie sich von dem Gedanken trösten, dass etwas von Ihrem Mann in dem Enkel weiter lebt, vielleicht sind die beiden sich ja sogar in Einigem ähnlich, wenn sie einander so mochten. Es wird Ihnen beiden gut tun, von Opa zu reden, wie er war. Früher, und bis zum Schluss.

Uta Alexander

Veröffentlicht am 1. Februar 2007. (1934 Tage alt) in Kummerkasten
 

„Stimmts, Opa“, sagte Anton gestern dicht an meinem Ohr, „das Leben ist ungerecht.“ „Und gefährlich, Alter!“, ranzte ich ihn wütend an. Der Kerl hatte mich aus dem schönsten Schlummer geschreckt.

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kussmann