Das dritte Jahr

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Für Katharina beginnt heute das dritte Lebensjahr. Sie feiert ihren zweiten Geburtstag. Foto: Ch. Roman

Die ersten bewussten Erinnerungen gehen auf das dritte Lebensjahr zurück. Kein Wunder. Es ist die Phase des erwachenden Selbstbewusstseins, der Selbstsuche und Selbstbehauptung.

Was macht das 3. Jahr besonders?

Großeltern haben es jetzt schon mit einem zielstrebigen, sehr durchsetzungsfähigen kleinen Partner zu tun. Das intensive Lebensgefühl der Dreijährigen ist überaus ansteckend, aber auch anstrengend. Sie sind Energiebündel. Alles ist neu, alles ist interessant, alles will erforscht und probiert werden. Babyhafte Kuschel-Phasen wechseln ab mit solchen, in denen die Kinder selbstbewusste Draufgänger sind. Gerade im 3. Jahr ist die Unfallwahrscheinlichkeit besonders hoch.

Was kann das Dreijährige?

  • Klettern, hüpfen, rennen, Bauklotz-Türme mit beiden Händen bauen, aus der Hocke freihändig aufstehen, um Hindernisse herumrennen, mit Stiften auf Papier kritzeln, mit beiden Füßen einen Ball kicken,
  • sehr gut beobachten und nachahmen,
  • sich recht gut verständlich machen,
  • allmählich eine eigene Phantasiewelt aufbauen
  • sich auf das Vorlesen kleiner Geschichten konzentrieren, wenn es zwischendurch Fragen stellen darf (Dialoglesen),
  • ca. 300 Worte verstehen und anwenden,
  • Regeln akzeptieren: In der Wohnung trägt man Hausschuhe,
  • Erwachsene geschickt herumkommandieren und provozieren,
  • Schuldgefühle empfinden.

Was kann es noch nicht?

  • Sich in andere hineinversetzen und sich aus ihrem Blickwinkel sehen. Es ist egozentrisch im wahrsten Sinne des Wortes. Seiner Meinung nach ist die Welt für es geschaffen.
  • Absprachen einhalten, weil die Fähigkeit zur Selbstkontrolle noch fehlt. Das Kind kommt leicht in Versuchung und bricht dann sein Versprechen. Es nascht z.B. doch vorm Essen.
  • Folgen seines Handelns bedenken,
  • Wünsche vertagen,
  • erkennen, was realistisch ist. Das Kind versucht z.B., sich selbst Teddys Jacke anzuziehen oder möchte eine Haarschleife im kurz geschnittenen Haar tragen. Wolken sind lebendig und bringen Regen.

Verhaltens-Tipps:

Drängen Sie das Kind nicht zu früh in eine Pseudoreife: „Du bist doch jetzt schon groß und vernünftig!“ Das passiert insbesondere, wenn jüngere Geschwister da sind. Gelegentlich wehrt sich das Kind mit Rückfällen in frühkindliche Verhaltensweisen.

Das Dreijährige ist bei aller Cleverness doch verletzlich. Neues und Fremdes macht Angst: Insekten oder große Tiere, Blitz und Donner, manche Menschen... Manchmal träumen sie schlecht. Erzählen Sie keine Horrorgeschichten, das lähmt die Initiative. Z.B. "Gott sieht alles.", "Dann schlägt der Blitz ein!"

Entmutigen Sie das Kind in seiner Sprachentwicklung nicht durch ungeduldiges Korrigieren. Es will jetzt einfach nur verstanden werden: "Timmi Hunger habt!" Wiederholen Sie seine Gedanken in variierter, erweiterte Form: "Du hast Hunger? Dann werden wir beide jetzt mal den Tisch decken!"

Setzen Sie das Kind nicht durch zuviel Lob und Anfeuern unter Druck. Zuviel Mitleid und Trost wiederum machen ängstlich und hilflos: "Ich bin sowieso zu klein, die Treppe allein herunter zu gehen."

Meiden Sie todlangweilige „möblierte“ Spielplätze. Matschen, Toben und raumgreifendes Spiel sind jetzt angemessen. Die besten Spielräume dafür sind Sandkasten, Wald, ein Bächlein oder ein Erlebnisbad.

Lassen Sie das Kind nach seinem Rhythmus und Geschmack spielen (auch etwas zu zerlegen, ist konstruktiv, was man "zu unserer Zeit" noch nicht so sah). Es braucht Langeweile, Müßiggang, Herumstreifen und Nichtstun, Tagträume, Alleinsein und Intimität. Was Eltern unter sinnvoller Zeiteinteilung verstehen, ist für das Kind nicht immer sinnvoll.

Keine Schuldzuweisungen, keine Beschämungen, z.B. "Du bist genauso ein Tollpatsch wie dein Vater!"" Du bist ein böser Kaputtmacher." Solche Killersätze sind extrem zerstörerisch und wirken als selbst erfüllende Prophezeiung ein Leben lang.

Sehen Sie kindliche Fehler als Lernprozess. Geben Sie dem Kind immer das Gefühl, wertvoll zu sein und respektiert zu werden. Der leicht dahingesagte Satz „Ich hab dich nicht mehr lieb“ oder „Mama hat dich nicht mehr lieb“ ist eine existenzielle Drohung.

Wie geht man mit den legendären Wutausbrüchen um?

In Internet-Foren berichten Eltern, dass ihre Kinder sich in Ohnmacht brüllen, mit dem Kopf gegen die Wand rennen, nicht mehr essen und sogar den Stuhl verhalten. Wenn sie lernen, dass sie sich damit durchsetzen, wachsen sie zu kleinen Tyrannen heran. Das beste Gegenmittel ist: ignorieren, nicht thematisieren, auch wenn das schwer auszuhalten ist.

Weichen Sie Wut nicht aus. Ärger bringt vorwärts und regelt das Miteinander. Auch Oma und Opa dürfen sich aufregen, das macht sie menschlich und glaubwürdig. Wenn der Zoff zu schlimm wird, nehmen Sie eine Auszeit. Das geht so: "Mein liebes Kind, wir sagen jetzt mal beide nichts." Drei Minuten. Stellen Sie die Uhr!

Dr. Manfred Hofferer aus Wien versteht Trotz als Panikreaktion des Kindes. Wenn man wisse, dass sich dabei Wille, Selbstbewusstsein und Durchsetzungskraft entwickeln, könne man ihn durchaus genießen.

Achten Sie auf Auslöser der Trotzreaktion. Das Problem ist, Kinder können sich noch nicht richtig verständlich machen. Sie machen mit dem ganzen Körper ihrem Ärger Luft, wenn ihre Vorhaben beschnitten werden. Manchmal bocken und toben sie, weil sie sich verletzt fühlen. Zum Beispiel ein Kind, das schon allein zur Toilette geht, bei einem Ausflug noch mal in Windel zu zwingen, weil man ihm nicht vertraut, ist eine extreme Selbstwertverletzung. Wohl dem, dessen Kind sich dagegen auflehnt.

Übersetzen Sie die kindliche Wut in Sprache: "Du möchtest diesen Luftballon und Oma kauft ihn nicht?"" Du bist wütend, weil du nicht an der Stereoanlage spielen darfst?" Das hilft manchmal erstaunlich gut. Das Kind nickt und fühlt sich verstanden. Jetzt kann man argumentieren.

Lehren Sie die hohe Kunst der Kompromisse. Verhandeln Sie. Geben Sie mal nach, dann wird auch das Kind manchmal nachgeben. Keinerlei Kompromisse sind natürlich angesagt, wenn Gefahr besteht: das Kind Kloreiniger trinkt, an einen Abgrund krabbelt, wenn Medikamente geschluckt werden sollen oder man zu Zug zu verpassen droht.

Die größte erzieherische Wirkung hat „die Macht der Wirklichkeit“ (Rudolf Dreikurs). Das heißt, die Kinder die Folgen des eigenen unerwünschten Verhaltens ausbaden lassen. Zum Beispiel, das Kind erlebt, wie jemand auf sein Spielzeug tritt und es kaputtgeht, weil es nicht aufgeräumt wurde. Der mutwillig ausgekippte Kakao wird selbst aufgewischt und nicht von Oma. Die Katze kratzt, wenn man sie ärgert.

Sind Strafen angebracht?

  • Regel Nummer 1: Nie ohne Vorwarnung strafen.

  • Nr. 2: Keine unlogischen Strafen verhängen

  • Nr. 3: Nachdenken statt strafen. Erfolgreich ist, wer herausfindet, was das Kind mit seinem Verhalten eigentlich erreichen will. Wenn das Kind z.B. die Stereoanlage anschaltet, um garantiert Aufmerksamkeit zu bekommen, wird es das immer wieder tun, auch nach Strafe. Legen Sie ruhig und bestimmt die Fernbedienung weg: Das ist nichts für dich. Konsequente Erwachsene genießen mehr Respekt und Vertrauen als allzu nachgiebige, weil sie Halt und Orientierung geben. Kinder wollen Taten sehen, davon lassen sie sich überzeugen.

Passende Geschenke:

  • Tafel und Kreide
  • Seifenblasen
  • Puzzlespiele mit vier, fünf Teilen
  • Haushaltsgegenstände
  • Steckbrett
  • Spieluhr
  • Puppen
  • Autos (+ Salz, um sie zu beladen)
  • Ziehwagen
  • Holzperlen
  • Kindertelefon
  • Bilderbücher mit Reimen
  • Dreirad

Quellen und Lese-Tipps: www.familienhandbuch.de, Doro Kammerer „Das 3. Jahr“; Cornelia König-Becker „Mein Kind von 0-6“; Geo Wissen Nr. 37, "Kindheit und Erziehung, die ersten zehn Jahre"

Trotz als "Autonomiephase"

Fernsehen und Dreijährige

Kleinkinder in Naturvölkern

Veröffentlicht am 12. Dezember 2006. (1881 Tage alt) in Von Null bis 18
 

„Stimmts, Opa“, sagte Anton gestern dicht an meinem Ohr, „das Leben ist ungerecht.“ „Und gefährlich, Alter!“, ranzte ich ihn wütend an. Der Kerl hatte mich aus dem schönsten Schlummer geschreckt.

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kussmann