Süßer Vogel Jugend

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Spöttisch und unerschrocken beschreibt Hellmuth Karasek, wie es ihm beim Älterwerden ergeht: Die Episode im Notarztwagen, der ihn mit Verdacht auf Herzinfarkt ins Krankenhaus befördert. Der Morgen, an dem er die Vögel nicht mehr singen hört, weil plötzlich das Gehör weg ist. Der Tag, an dem er mit offenen Schuhen nach Hause schlurft, weil er sich nicht mehr nach den Schnürsenkeln bücken kann. Wie er vergeblich im Gedächtnis kramt nach dem Namen eines Mannes, den er kurz zuvor getroffen hat. Und die vielen Nächte, in denen seine jüngere Frau seelig schlummert, während er sich ruhelos im Haus herumtreibt: präsenile Bettflucht...

Karasek, der seine 94jährige vitale Mutter unverhofft viel jünger fand als sich selbst mit 70, breitet außerdem genüsslich vor uns aus, wie andere, berühmte Leute alterten, wie sie das kommentierten, wie sie schließlich starben.

Er spürt den Frauenhelden Goethe und Brecht nach, erzählt von Billy Wilder, der zwanghaft über das Alter spottete, und Walt Disney, der sich einen Tiefkühlschlaf bestellte, von dem ihn irgendwann die Wissenschaft erwecken sollte. Man erfährt, dass Phillipp der Schöne nach seinem Tod von seiner Witwe Johanna von Kastilien im Sarg mitgeführt wurde und dass Swift , der Autor des „Gulliver“, stumpf, depressiv, krankhaft geizig und manchmal rasend boshaft dahinsiechte. Vorher hat er noch genüsslich das Szenario einer Gesellschaft beschrieben, in der Alte isoliert werden wie Aussätzige. Hitchcock dreht sadistische Filmszenen, weil Tippi Hedren nicht auf seine sexuellen Avancen einging, Marlene Dietrich und Greta Garbo versteckten sich im Alter vor der Welt....

Karasek verabreicht uns tropfenweise eine Art Wissens-Elexier über das Ende des Lebens. In kleinen Dosen soll Gift ja überaus gesund sein!

Hellmuth Karasek, Süßer Vogel Jugend oder Der Abend wirft längere Schatten, Hoffmann und Campe 2006, ISBN 3-455-40016-7

Veröffentlicht am 15. November 2006. (2012 Tage alt) in Buchtipps
 

„Stimmts, Opa“, sagte Anton gestern dicht an meinem Ohr, „das Leben ist ungerecht.“ „Und gefährlich, Alter!“, ranzte ich ihn wütend an. Der Kerl hatte mich aus dem schönsten Schlummer geschreckt.

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kussmann