Bank für Erinnerungen: das Tagebucharchiv
In den Hinterlassenschaften von Eltern und Großeltern finden die Nachkommen oft sorgfältig gehütete Bündel Papier. Bei mir waren es Feldpostbriefe meines Großvaters an meine Großmutter und Postkarten, die ihr ihr Vater im ersten Weltkrieg von der Front geschickt hatte. Er, der mündlichen Überlieferung nach ein unzugänglicher, wortkarger Mann, sandte seiner damals zwölfjährigen Tochter selbst geschriebene Gedichte. Die alte Schrift kann ich nicht entziffern.
Wohin damit? Ich packte die Sachen schließlich in eine Truhe im Keller, wo sie vermutlich nie mehr jemand anrühren wird. Meistens landen handschriftliche Aufzeichnungen verstorbener Vorfahren ohne Zögern gleich im Müll.
Frauke von Troschke bietet seit 1998 im badischen Emmerdingen einen würdigen Platz für autobiografische Schriftzeugnisse: das Deutsche Tagebucharchiv. Die Idee dazu kam ihr bei einem Besuch ihrer Schwester in der Toskana. Dort, in Pieve Santo Stefano, hatte ein Journalist das erste Tagebucharchiv Europas gegründet.
Gesammelt werden hier wie dort Tagebücher und Briefe einfacher Leute, denen nie jemand große Beachtung schenkte. Nicht sentimentale Erwägungen sind der Grund, sondern die Überzeugung, dass hier „Geschichte von unten“ geschrieben worden ist. In die intimen Berichte an den fiktiven Freund, das Tagebuch, über Liebeskummer, Krankheit und Schicksalsschläge, bricht immer die äußere Welt herein. Man erfährt, was das Leben einer Bäuerin vor 80 Jahren prägte, wie 1970 Klinikalltag aus der Sicht eines Patienten aussah, was ein Häftling in der DDR zu essen bekam.
„Ich fühle mich wie Weihnachten, wenn ich eine Kiste aufmache“, sagt Archivgründerin von Troschke. Hervor kommen Lederbände in Goldschnitt, einfache Schulhefte, auf lose Blätter oder Kalender-Rückseiten Gekritzeltes, manchmal hundert Jahre alt und älter. Gelegentlich kommen Menschen persönlich nach Emmerdingen und geben ihre Aufzeichnungen ab. Wie jene 80-Jährige ohne Mann und Kinder in Pieve Stefano, die sich wünschte, dass wenigstens ein Mensch in ihren Schriften liest, damit ihr Leben nicht unbemerkt verstreicht.
Der Wunsch geht auf. Der Lebensspur der Fremden wird mehr als ein Mensch nachgehen. Die „Banken der Erinnerungen“ sind längst eine Fundgrube für Historiker, Studenten, Schriftsteller, Psychologen, Soziologen, Drehbuchautoren und interessierte Privatpersonen.
Werden auch Tagebücher abgelehnt?:
Nein. Das Tagebucharchiv nimmt alle Aufzeichnungen an. Einzige Bedingung ist, dass die Autoren keine Prominenten sind und ihre Texte noch nie veröffentlich wurden.
Was geschieht mit den Manuskripten?
Jeder Text wird von mindestens zwei ehrenamtlichen Lesern gelesen und mit Schlagworten versehen, damit die Quelle später ausgewertet werden kann. Alle Angaben fließen in einer zentralen Datenbank zusammen.
Ist der Schreiber geschützt?
Das Archiv schließt mit dem Einsender urheberrechtliche Verträge ab, die die Nutzung und den Status des Manuskripts regeln. Es kann z.B. Schenkung oder Dauerleihgabe sein. Auf Wunsch wird der Autor anonymisiert.


