Das zweite Jahr

Katja_heult
Alle-alle! Zum Heulen! Foto: Ch.Roman

Tür auf, Tür zu. Mütze auf, Mütze ab. In hohem Bogen fliegt der Teddy aus dem Kinderwagen, einmal, dreimal, zehnmal. Wie oft wird Oma ihn wieder aufheben? Sie haben es jetzt mit einem jungen Naturforscher zu tun, der vor keinem Experiment zurückschreckt. Und mit wütendem Gebrüll reagiert, wenn Sie ihn jäh unterbrechen: „Will! Alleine!“

Regel Nummer Eins, wenn Ihr Enkel zu Besuch kommt:

Räumen Sie alles außer Reichweite, was Ihnen lieb und teuer ist!

Fenster, Balkonbrüstungen, Herd, Kamin, Wassereimer, Steckdosen, Kabel, herabhängende Tischdecken, schwere Gegenstände über der Kopfhöhe des Kindes, Treppen, kipplige Hocker, Leitern, Kerzen, Messerhalter, Medikamentenschrank, Seifenschrank, Werkzeugkasten – überall lauert Gefahr.

Die lieben Kleinen sind unglaublich schnell – und mangels schlechter Erfahrungen unglaublich furchtlos. Sie haben keinen Instinkt, der sie automatisch vor tiefem Wasser, großen Höhen oder Giftigem warnt. Vor allem draußen darf man sie jetzt keine Minute aus den Augen lassen.

Körperliche und geistige Fortschritte:

Das Kind streckt sich. Am Ende des zweiten Lebensjahres wird es fest auf den Beinen stehen und in der Familie mitreden wollen, wenn auch nur in Zwei- oder Drei-Wort-Sätzen. Der aktive Wortschatz umfasst etwa zehn bis 40 Worte, verstanden werden rund 250.

Mit etwa anderthalb Jahren erkennt sich das Kind im Spiegel. Es spricht von sich aber noch in der dritten Person: „Lisa da!“. Ein Ich-Bewusstsein und die Gefühlswelt entwickeln sich. Das ist spannend und rührend zu beobachten.

Das zweite Jahr ist zugleich die Zeit der Böcke und Machtkämpfe, des Quengelns und ohrenbetäubenden Gebrülls. Der Wunsch nach Schutz und Geborgenheit und der nach Autonomie bestehen gleichzeitig, ein Dilemma, das Frust auslöst. Kind will mehr als es kann. Nicht zu Unrecht wird diese Entwicklungsphase mit der Pubertät verglichen.

Das Kind entwickelt einen zähen Willen und versucht ihn durchzusetzen. Es ist mobil und erfinderisch. (Hocker an den Kühlschrank schieben, eingeschweißte Verpackungen aufbeißen – kein Problem!) Gern macht es „Menschenversuche“, d.h. es testet, wie Erwachsene oder Geschwister auf seine Aktivitäten reagieren.

Wirklich planen oder vorhersehen, was passiert, kann es aber noch nicht. Das Meiste geschieht spontan. Warnungen, Erklärungen (Vorsicht, das geht kaputt!) oder andauerndes Nein-Sagen helfen wenig, wenn das Kind immer wieder nach der Fernbedienung greift oder mit der Hand in den Pudding haut, sondern nur Konsequenz. Also: Fernbedienung und Pudding sofort außer Reichweite bringen, wenn sie „falsch benutzt“ werden.

Mit Gleichaltrigen wird nebeneinander, noch nicht miteinander gespielt. Die Begriffe „mein“ und „dein“ versteht ein Kleinkind noch nicht. So kommen die berühmten Buddelkastenstreits zustande.

Nur langsam lernt das Kind auf die Erfüllung seiner Wünsche auch einmal zu warten und sich in andere Menschen einzufühlen. „Opa ist heute krank“ bedeutet für einen Zweijährigen nicht automatisch, dass sein Feuerwehrauto ohne Sirene fahren muss.

Wie geht man mit Zweijährigen um?

Das Kind schläft jetzt weniger, aber es braucht einen kurzen Mittagschlaf oder wenigstens eine kleine, stille Erholungspause.

Der Bewegungsdrang muss ausgelebt werden. Das ist auch wichtig für die Entwicklung der geistigen Fähigkeiten. Manche Kinder müssen dazu motiviert werden. (Ballspiele, Wagen schieben lassen). Bewegung im Freien, nicht zu dick eingemummelt, ist zugleich die beste Abhärtung gegen Infektionskrankheiten.

Kinder wirken mit anderthalb, zwei Jahren schon ziemlich clever. Überfordern Sie Ihren Enkel aber nicht, indem Sie zu viele Wahlmöglichkeiten anbieten, was stolze Eltern gern tun. Wenn es um den Schutz des Kindes geht, sollte es überhaupt keine Diskussionen geben: Bei Regen trägt man die Gummistiefel. Bei Minusgraden eine Mütze. Tomatenmesser und Hundenapf sind tabu.

Böcken begegnet man, sagen Erzieher heute, am besten mit Ablenken oder Kompromissangeboten. Vergessen wird dabei oft, dass das Kind dazu nicht übermüdet oder der Krach schon zu festgefahren sein darf. Dann bleibt das Kleinkind bei seiner Weigerung,z.B. sich in den Kinderwagen setzen zu lassen Es macht sich steif, schmeißt sich auf den Boden oder brüllt einfach los. Je nach Temperament und Kraft dauert das bis zu einer Stunde.

Früher hieß es, man müsse den Willen des Kindes brechen, um sich nicht einen kleinen Terroristen heranzuziehen. Heute lautet der Rat: Wenn möglich, gehen Sie ein Stück beiseite und halten sich die Ohren zu. Ignorieren Sie die strafenden Blicke Außenstehender.

Ganz wichtig nach Trotzattacken: Nicht nachtragend sein. Meistens haben die Kinder schnell vergessen, was los war. Sie sind erschöpft, suchen Liebe und Geborgenheit und können nicht verstehen, warum Oma oder Opa plötzlich so böse sind. Sie fühlen sich tief verängstigt.

Angesagt ist im zweiten Lebensjahr das Erziehen zur Selbständigkeit. Allein essen, sich allein an – und ausziehen zu können, ist toll für ein Kind. Natürlich dauert es lange. Eine Socke geht nun mal besser ab als an. Aber meist haben Großeltern mehr Geduld und Einfühlungsvermögen als Mutter oder Vater.

Ein Thema für sich ist die Sauberkeitserziehung, die nach dem heutigen Kenntnisstand erst am Ende des 2. Lebensjahres sinnvoll ist, weil erst dann Blase und Darm voll unter Kontrolle sind. Übermäßiger Ehrgeiz von Oma und Opa, hier etwas zu bewirken, ist also nicht angebracht.

Missgeschicke jeder Art sind bei Zweijährigen an der Tagesordnung. Denken Sie an die Szenen aus Pleiten, Pech und Pannen. Zweijährige sind dort die Hauptdarsteller. Seien Sie als Schutzengel für das Kind da, aber mischen Sie sich nicht verfrüht ein. Es braucht eigene Erfahrungen, um zu lernen. Früher glaubte man mehr an die Wirkung von Belehrung.

Lassen Sie Ihr Enkelkind ruhig mal alleine wursteln – und auch allein spielen, auf seine eigene Weise. Genießen Sie die kindliche Phantasie. Natürlich darf die Eisenbahn im Puppenwagen schlafen! Opas Hausschuh ist ein prima Auto. Kaputtmachen ist übrigens auch ein Erkunden und nicht von vornherein böse.

Was das Kind unbedingt braucht, ist Blickkontakt. Er bedeutet: Ich sehe dich. Was du machst, ist in Ordnung. Notfalls bin ich da. Allein schon ihre Aufmerksamkeit bedeutet Zuwendung, Geborgenheit und Sicherheit.

Die meisten Kinder helfen gern. Trauen Sie ihnen etwas zu. Lassen Sie sich Dinge bringen oder holen (natürlich nicht die Sonntagstassen) und bei alltäglichen Verrichtungen unterstützen. Reden Sie dabei deutlich und in kurzen Sätzen mit dem Kind. Sie können gern alles zehnmal sagen, am besten in kleinen Variationen: „Das ist ein Topf. Ein schöner großer Topf .... Wir gehen jetzt ins Bad und waschen die Hände.... Das ist die Seife, die riecht gut.“ Das wirkt albern, für das Kind ist es ein Sprach- und Denktraining. Übrigens: Lassen Sie ihm seine Kindersprache. Aber wenn Sie „Löffel“ meinen, sollten Sie nicht „hapa-hapa“ sagen.

Zweijährige sind kleine Detektive. Sie beobachten alles und ahmen es nach. Den Klaps auf die Finger, den Sie einem Kind im Eifer des Gefechts verpassen, kriegen Sie demnächst zurück, denn er ist offenbar erlaubt. Wollen Sie das? Sie sind das Vorbild. Zeigen Sie die Umgangsformen, die Sie sich beim Kind wünschen.

Vorsicht: Ironiewird nicht verstanden: „Da wird sich Mama aber freuen, wenn du in den Hundehaufen trittst!“ Nein, sie wird sauer sein. Der Dumme sind Sie!

Das beste Spielzeug in diesem Alter:

  • Dicke Stifte
  • Ball
  • Tiere zum Ziehen
  • Wagen zum Schieben
  • Lok, Traktor oder LKW mit Anhänger zum Beladen
  • Große Bausteine
  • Holzpyramide
  • Kleines Dreirad oder Laufrad
  • Kindertelefon (Nichts ist lustiger, als Kinder unser Telefongebahren imitieren zu sehen!)

Tischsitten:

Das Kind kann, wenn nicht zu salzig gekocht wird, eigentlich alles mitessen. Bieten Sie an, was auf den Tisch kommt, damit es verschiedene Speisen kennen lernt.

Nach neuesten Erkenntnissen ist es wichtig, Kinder nicht zum Aufessen zu zwingen. Das angeborene Gefühl „ich bin jetzt satt“ soll möglichst lange erhalten bleiben. Machen Sie sich keine Sorgen, wenn das Kind ein schlechter Esser ist. Der Satz stimmt, dass noch nie ein gesundes Kind am gedeckten Tisch verhungert ist. Für Zwischendurch kommt dann aber höchstens ein Stück Obst oder Brot infrage, keine süßen Naschereien.

Nur Trinken soll das Kind immer ausreichend, am besten ungesüßten Tee oder verdünnte Säfte, etwa einen Liter am Tag. Milch und Kakao fallen eher in die Sparte Essen. Bei einem eher pummligen Kleinkind sollten Sie das berücksichtigen.

Unterstützen Sie Versuche, allein mit dem Löffel zu hantieren und aus der Tasse zu trinken, obwohl manches noch daneben geht. Das Fläschchen hat ausgedient. Einmal weil es, als Dauerlutscher benutzt, die Stellung der Schneidezähne beeinflusst, auch wenn diese noch nicht zu sehen sind. Und, zweitens, an den „Griff zur Flasche“ in Stresssituationen gewöhnt. Besser: Emotionen rauslassen, Beruhigen, Trösten und Ablenken.

Veröffentlicht am 9. November 2006. (1914 Tage alt) in Von Null bis 18
 

„Stimmts, Opa“, sagte Anton gestern dicht an meinem Ohr, „das Leben ist ungerecht.“ „Und gefährlich, Alter!“, ranzte ich ihn wütend an. Der Kerl hatte mich aus dem schönsten Schlummer geschreckt.

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kussmann