Wächst Stottern sich aus?
Mein Enkel, jetzt 5 Jahre alt, stottert. Mein Sohn hatte ähnliche Probleme. Ich habe sie nicht weiter beachtet und es verging von selbst. Seinen eigenen Sohn will er jetzt in eine Therapie schicken. Ist das nicht übertrieben?
Elke Richter, Berlin
Nein. Fachleute sagen heute, dass ein Kind das Stottern mit hoher Wahrscheinlichkeit beibehält, wenn es bis zur Einschulung nicht von selbst verschwindet.
In der Schule sind die Bedingungen dafür ungünstig. Unter Kindern, wo er sich durchsetzen muss, oder im Unterricht, wenn er auf eine Lehrerfrage antworten soll, gibt es für Ihren Enkel mit Sicherheit gelegentlich Stress. Und der macht das Stottern schlimmer. Manche Stotterer bringen in solchen Situationen überhaupt kein Wort heraus, insbesondere keins, das mit T, P oder K anfängt. Sie werden unsicher, schämen und isolieren sich. Die Fehler verfestigen sich.
Soweit muss es nicht kommen, wenn ein Logopäde rechtzeitig mit dem Kind arbeitet. Allerdings ist nur jeder zehnte dafür ausgebildet, es mit dem Stottern aufzunehmen.
Noch sind längst nicht alle Ursachen des Stotterns erforscht. Man weiß immerhin, dass es zu 75 Prozent erblich bedingt ist und Männer viermal häufiger betroffen sind als Frauen, bundesweit 800 000 Menschen, weltweit 65 Millionen. Für 2007 ist eine neue Studie des National Instituts of Health zum Phänomen des Stotterns angekündigt.
Bis heute haben diverse selbsternannte Heiler leichtes Spiel, die mit Massagen, Hypnose und Selbsterfahrungstrips Hilfe versprechen. Experten wissen, dass nur beharrliches Üben hilft. Als viel versprechend gelten zwei Ansätze: Die Fluency Shaping Therapie, die auf eine Verlangsamung beim Sprechen hinausläuft, und die Non-Aviodance-Therapie, eine Art Mutübung. Stotterer werden dabei aufgefordert, Menschen anzusprechen. Sie sollen sehen, dass ihr Handikap kein schlimmes Echo auslöst, dass niemand sie auslacht.
Im Umgang mit Ihrem Enkel sollten Sie als Großmutter ebenfalls spielerisch auf langsames, betontes Sprechen hinsteuern statt ihm „das Wort aus dem Mund zu nehmen“, indem Sie seine Sätze beenden. Sie sollten den Jungen ermutigen, Menschen anzusprechen. Gut sind auch Singen und Sprechen im Chor.
Dass Stotterer für falsch erzogen, gestört oder dumm gehalten werden, ist glücklicherweise überwunden. Manche von ihnen manövrieren sich geradezu genial um Wörter herum, die für sie schwer auszusprechen sind. Man unterstellt nicht mehr, dass auch ihr Denken stottert. Im Gegenteil: Wenn Stotterer sich öffentlich äußern, wird das, was sie sagen, sogar besonders positiv aufgenommen und als hoch glaubwürdig eingestuft: Wenn sich jemand so viel Mühe macht, etwas zu sagen, ist es ihm ernst damit.


