Pubertät

Ich
Ich. Selbstporträt mit 15. Zeichnung von Aldo Sanchez, Foto: A. Thomas

Die Türen knallen, die Haare werden blau (rot, gelb oder schwarz), die Telefonrechnung steigt, ein Pickel ist ein Grund im Bett zu bleiben, die Stimmungen fahren Achterbahn, das Kinderzimmer sieht aus wie nach einer Razzia, Rauchschwaden und penetrante Rhythmen dringen heraus hervor. Das adrette, freundliche Mädchen wird ein Punk, eine zickige "Tussy", Vegetarierin ... nacheinander oder gleichzeitig. Vor der Haustür warten seltsame Gestalten, die (bestenfalls) flüchtig grüßen: die Clique. Das Kind setzt (im Idealfall) eine SMS ab und übernachtet auswärts. „Ihr Gesprächspartner ist vorübergehend nicht erreichbar“, sagt das Handy und es hat Recht.

Nach diesem oder ähnlichem Drehbuch spielt sich Pubertät ab, die den Familienfrieden gefährdet und die Nerven unter Hochspannung setzt.

Genießen Sie die Zeit! Denn Oma und Opa haben, mit etwas Geschick, in diesem Drama die beste Rolle.

Wann setzt heute Pubertät ein?

Die Zeit zwischen der körperlichen und sozialen Reife, also der Anerkennung der jungen Leute als Erwachsene, wird beinahe unerträglich lang, sagt Psychologin Helga Gürtler.

Denn nach neuesten Erkenntnissen beginnt Pubertät heute bereits zwischen zehn und 14 Jahren. Bei Mädchen manchmal sogar schon mit acht, im Durchschnitt mit 12,5 Jahren. Jungen werden etwa ein Jahr später geschlechtsreif. Das sicherste Zeichen ist das Schließen der Knochenfugen, das im Röntgenbild der Hand zu sehen ist. Damit stoppt das Körperwachstum.

Was geschieht im Körper?

Was man nicht von außen sehen kann und in unserer eigenen Elternzeit noch weitgehend unbekannt war: Hormone und Botenstoffe (Leptin und Kisspeptin) stimulieren eine Umstrukturierung des Gehirns. Es ist jetzt eine Baustelle. Das Netz der Nervenverbindungen wird stabilisiert, dabei aber zugleich ausgedünnt.

Was sind die Folgen?

Die Lektüre von Fachartikeln legt nahe, sich nicht in die Zeit der Pubertät zurück zu wünschen. Psyche, Stoffwechsel und Immunsystem werden labil. Selbstüberschätzung und Selbstentfremdung werfen die jungen Leute aus der Bahn. Euphorische und unglückliche Stimmungen wechseln einander ab. 16,8 Prozent der Mädchen und 8,3 Prozent der Jungen hegen sogar Suizidgedanken.

Das Belohnungssystem im Hirn (Nucleus accumbens) reagiert unzuverlässig. Lob oder Tadel gewinnen so an Bedeutung, dass sie über Glück oder Trauer entscheiden. Zugleich werden stärkere Anreize als bei Erwachsenen nötig, um das Belohnungsgefühl auszulösen. Normales ist langweilig, erst Gefährliches und Verbotenes gibt den richtigen Kick. Das kann zu hoch riskantem Verhalten führen. Die Unfallquote Jugendlicher ist dreimal so hoch wie die von Kindern.

Weil sich die geistigen Fähigkeiten schneller entwickeln als das moralische Grundgerüst und eigene und fremde Emotionen oft nicht richtig eingeordnet werden können, benehmen sich Jugendliche oft daneben. Sie reagieren impulsiv, beleidigend, sie provozieren und schießen in Diskussionen oft über das Ziel hinaus.

Wie sollten sich Großeltern verhalten?

Sie sind in einer guten Position, denn eine ganze Generation trennt sie von den Konflikten, die die Jugendlichen jetzt mit den Eltern ausfechten. Für sie stellte der Ablösekampf von Mutter und Vater keine Bedrohung dar. Wer die technische und sexuelle Revolution, die Frauenbewegung, die Auftritte der Beatles und Stones, die Anfänge der „Bravo“, die bewegte Nachkriegszeit und die deutsche Wiedervereinigung aktiv miterlebte, hat übrigens ein niedrigeres „gefühltes“ als tatsächliches Alter und zu vielen Themen etwas zu sagen.

Gefragt ist aber vor allem Ihre Rolle als Zuhörer, der bedingungslos vertraut und liebt. Das fällt umso leichter, je inniger die Beziehung in der Kleinkindphase war.

Auf der Suche nach einer eigenen Position werfen Jugendliche politische, religiöse und ethische Fragen auf. Nehmen Sie sie ernst, beziehen Sie Position. Legen Sie nicht jedes Wort auf die Goldwaage. Manche Angriffe sind nicht persönlich gemeint, sondern richten sich an „die Erwachsenen“ überhaupt.

Stehen Sie auch den Eltern bei, die in diesem Lebensabschnitt ihrer Kinder oft ermüdet, entmutigt oder verzweifelt sind. Vermeiden Sie es, Partei zu ergreifen und wirken Sie darauf hin, dass Kompromisse ausgehandelt werden. Gebote und Verbote ohne Begründung sind wirkungslos. Das beste Beispiel ist Pünktlichkeit. Hinter dieser Forderung steht meist die Sorge um die Sicherheit. Sorgen Sie dafür, dass das Gespräch nicht abreißt und etablierte Familienrituale beibehalten werden.

Respektieren Sie die Intimsphäre der jungen Leute. (Kein „Ausquetschen“. Am Zimmer anklopfen. Tagebuch, Mail- und SMS-Liste sind tabu!) Bewahren Sie Ihnen anvertraute Geheimnisse oder Meinungen. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn wird nicht besser, wenn Sie ausplaudern, dass der eine den anderen für einen Versager hält.

Sehen Sie ein, dass manches, was Erwachsenen wichtig ist, zumindest zeitweilig auf der Prioritätenliste der Teenager weit unten steht (Hausarbeit!) Machen Sie die Freunde nicht schlecht. Das bewirkt meist das Gegenteil und drängt die Enkel in extreme Positionen.

Vermeiden Sie es, sich anzubiedern, wenn Sie ernst genommen werden wollen.

Bewahren Sie sich Humor und Gelassenheit. Die neue innere Welt der Pubertierenden entsteht auf dem Fundament der bewährten Familienbeziehungen. Wirklich alarmierend ist nur eines: Wenn die Jugendlichen sich isolieren und abkapseln, auch von Gleichaltrigen.

10 Regeln für die Pubertät

Veröffentlicht am 25. Oktober 2006. (2033 Tage alt) in Von Null bis 18
 

„Stimmts, Opa“, sagte Anton gestern dicht an meinem Ohr, „das Leben ist ungerecht.“ „Und gefährlich, Alter!“, ranzte ich ihn wütend an. Der Kerl hatte mich aus dem schönsten Schlummer geschreckt.

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kussmann