Ursula Hickmann, 74, Schriftstellerin, Webbloggerin
GroßelternReport traf Ursula Hickmann beim Stöbern in Webblogs. Diese Form des öffentlichen „inneren Monologs“ haben bisher eher jüngere Leute für sich entdeckt. Ursula Hickmann ist mit 74 dabei. Sie schreibt in der WAZ- online nach Lust und Laune über Themen, die sie bewegen. Zum Beispiel, was man so alles mit Enkeln erlebt.
Jetzt auch bei GrosselternReport über die Frage:
"Oma, hast Du noch Sex?"
Die Partnerschaft ist stets und besonders auch erotischer Natur, unabhängig vom Alter.
Zunächst freilich, und das ist, glaube ich verständlich, zunächst freilich stockt einem der Atem, wenn man von seiner 22-jährigen Enkelin am Telefon mit der Frage konfrontiert wird: “Oma hast Du noch Sex�?
Klar, junge Leute sind neugierig, die wollen wissen was läuft. Wenn ich da so an früher denke. Oh Gott! Ich wäre niemals auch nur auf den Gedanken gekommen, solch eine Frage an meine Mutter geschweige an meine Großmutter zu richten. Da hätte es was gegeben, links und rechts. Überdies hätten sie mir in voller Einmütigkeit mindestens drei “Vaterunser� als Buße auferlegt, damit Gott mir meine Zuchtlosigkeit vergebe.
Heranwachsende mit Meinungsäußerungen über sexuelle Angelegenheiten waren früher nicht vorgesehen. Man lebte damals noch eingeschränkt von Konventionen. Zu dem Zeitpunkt ging man auch noch nicht zum Arzt, um sich die Antibabypille verschreiben zu lassen. Ungewollte Schwangerschaften waren an der Tagesordnung.
“Die muss heiraten�, wurde dann gesagt und was heutzutage seltsam verblüfft: Damals kam es praktisch einer Familienschande gleich, wenn man mit einem Kind sitzen gelassen wurde. In der pubertären Phase, als meine Gedanken um Liebe und Lust kreisten, brachte mir meine Mutter die Gefahren eines Liebesabenteuers auf ihre Art näher:" Komm bloß nicht mit einem Päckchen nach Hause�, lautete manch versteckte Drohung. (Eine Umschreibung dafür, sich ja nicht schwängern zu lassen.)
Doch zurück zu der Frage meiner Enkelin. Was konnte man darauf entgegnen? Es war ja nicht so, als würde mir nichts dazu einfallen. In meinen Romanen sind deftige Liebesszenen durchaus keine Tabuthemen. Nicht dass es falsch verstanden wird: Es hat nichts, aber auch gar nichts mit Pornographie zu tun. Dann wäre das geklärt.
Und was nun? Ich war ihr ja schließlich eine Antwort schuldig. Schließlich sagte ich ruppiger als beabsichtigt: “Ich behalte mein Liebesleben für mich, weil ich es zu intim finde, darüber zu reden.�
War das feige? Oh Gott, war ich feige! Dabei hätte ich doch einfach nur “Ja� sagen können. Jetzt fragen Sie sich sicher, warum dieses Ausweichmanöver. Ich bitte Sie, ich werde doch einer über 50 Jahre jüngeren Frau, die mir dazu noch sehr nahe steht, am Telefon, nicht die Türe zu meinem Schlafzimmer aufmachen. Das ist doch eine antiquierte Einstellung, würde sicher mancher sagen. Nun gut! Man kann dieses oder jenes Detail aus seinem Leben preisgeben, aber was die Liebe angeht, gibt es für mich keinen Redebedarf. Für mich ist das ganz normal.


