Shell-Jugendstudie 2006: Harmonie zwischen den Generationen

Alexandra (10) mit ihrer Großmutter Sophia (60)
Foto: Ch.Roman
Wie fühlen sich eigentlich die jungen Leute in einer Gesellschaft, die immer älter wird? Gönnen sie ihren Großeltern den gut abgesicherten Ruhestand, wohl wissend, dass sie später für ihre eigene Rente weitgehend selbst sorgen müssen? Oder fordern sie angesichts knapper Arbeitsplätze und unbezahlter Praktika Verzicht von den Älteren? Droht gar ein Krieg der Generationen, wie viele befürchten?
Die 15. Jugendstudie des Shell-Konzerns suchte Antworten auf diese Fragen. Hier zunächst einige O-Töne von jungen Leuten, die dazu befragt wurden:
"Meine Eltern und meine Oma vor allem, diese Generation, hat viel dafür getan, dass es jetzt so ist, wie es ist. Dass sie jetzt noch Geld haben, mussten sie sich auch verdienen." Angestellte, 23 Jahre
"Die kriegen jeden Monat ihre Rente, auch wenn die jetzt mal ihre Nullrunden kriegen. Aber wir kriegen auch nicht jedes Jahr unsere Gehaltserhöhung." Angestellte, 25 Jahre
"Zum Beispiel, wo wir in Tunesien waren, da haben mich Rentner aus der Reihe geschubst, nur damit sie Essen kriegen. Da musste mein Vater kommen und den aus der Reihe schubsen." Auszubildender, 19 Jahre
Und so formulieren die Wissenschaftler die Ergebnisse ihrer Umfragen:
Die Familie erlebt angesichts unsicherer Zukunftsperspektiven offenbar einen Bedeutungszuwachs. Sie vermittelt Stabilität, Kontinuität und emotionalen Rückhalt. Zudem wird sie in wirtschaftlich schwierigen Zeiten als Ressource gesehen, die durch ökonomische und soziale Unterstützung hilft, sich den Bedingungen des Arbeitsmarktes anzupassen.
Die ältere Generation spielt im nahen Umfeld der Jugendlichen eine wichtige und überwiegend positive Rolle.
Das Bild der befragten Jugendlichen von der alten Generation ist zweigeteilt.
Zum einen gibt es die Hochbetagten, mit denen ein idealisiertes Bild der verwöhnenden, wenig autoritären Großeltern verbunden ist. Diese Generation hat das Image der Aufbaugeneration, sie hat »ihr Leben lang gearbeitet« und genießt die Achtung der Jugendlichen. Die Jugendlichen zeigen sich interessiert an den Erfahrungen der Alten und an deren Geschichten. Das Großeltern-Enkel-Verhältnis ist meist ausgesprochen positiv. Abgesehen von diesen engen Beziehungen im persönlichen Nahraum spielen die Hochbetagten gesellschaftlich keine wichtige Rolle mehr. Ihr Leben findet, manchmal nachsichtig belächelt, weitestgehend außerhalb des normalen jugendlichen Alltags statt.
Auf der anderen Seite stehen die »Jungen Alten«, die fit und aktiv das Leben genießen und offen für Neues sind. Dies sehen die Jugendlichen grundsätzlich positiv, es wird aber dann problematisch, wenn die Senioren sich einmischen, wenn sie zur Konkurrenz werden, wenn sie vermehrt in Bereichen auftauchen, die früher der Jugend vorbehalten waren.
Als aktuelle Probleme alter Menschen – und hier geht es im Wesentlichen um die Hochbetagten – werden Einsamkeit und mangelnde Integration, auch der Pflegenotstand angesprochen. Andererseits wird von vielen Jugendlichen die relativ gute finanzielle Versorgung der Rentner gesehen und zwar als etwas, das ihnen zusteht.
Was das eigene Alter angeht, so rechnen die Jugendlichen mit im Vergleich zu heute drastisch reduzierten Rentenzahlungen. Staat und Politik wird wenig Lösungskompetenz in dieser Frage zugetraut. Viele haben sich in erstaunlichem Maß bereits mit der Frage der eigenen Rente befasst und gehen davon aus, dass sie selbst für ihr Alter vorsorgen müssen.
Das Altern der Gesellschaft nehmen die befragten Jugendlichen derzeit nicht als mögliche Einschränkung ihrer eigenen Ressourcen wahr. Die Problematik der demografischen Entwicklung ist ihnen jedoch bewusst und somit, dass für zunehmend mehr alte Menschen gesorgt werden muss. Die Versorgung und Integration der wachsenden Zahl alter Menschen sehen die befragten Jugendlichen als primäre Probleme in einer alternden Gesellschaft. Der vorherrschende Eindruck aus den Interviews: Die Alten, die doch die Bundesrepublik zu dem gemacht haben, was sie nun ist, die in die Sozialversicherung schon für ihre Eltern eingezahlt haben, sollen gut versorgt werden, immerhin verlassen sie sich darauf. Dieses Leistungsversprechen wurde der jungen Generation nicht gegeben. So übernehmen sie im Endeffekt Verantwortung sowohl für sich selbst mit privater Vorsorge als auch für die Alten, denen sie die Solidarität nicht aufkündigen.
Jugendliche bringen den Wunsch zum Ausdruck, als »Zukunft der Gesellschaft« angemessen behandelt zu werden. Man sieht eine Generation, die alle Erwartungen der Gesellschaft nach Verantwortung, Leistungsbereitschaft und Familiensinn erfüllt. Die vorgetragenen Wünsche nach besseren gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für Bildung, für Ausbildungs- und Jobchancen sowie für Familiengründung erscheinen in Relation dazu sehr moderat. Die Jugendlichen vertrauen im Großen und Ganzen darauf, dass ihre Einstellung belohnt wird. Nur gelegentlich wird einstweilen der Verdacht laut, in einer Gesellschaft, in der es immer mehr Ältere geben wird, in der die Mittelalten und Alten die einflussreichen Positionen innehaben, könnten sie in wachsendem Maße benachteiligt werden. Auch die starken Generationenbeziehungen im persönlichen Nahraum lassen jedoch Verteilungskonflikte zwischen Alt und Jung vorerst unwahrscheinlich erscheinen.


