Meckern vergiftet die Beziehung
Meine Freundin redet gern über ihre Enkelin. Nicht immer Gutes. Neulich saß das Kind (11 Jahre alt) sogar dabei. „Sie ist immer so verträumt und unordentlich. Das nimmt mal ein schlimmes Ende“, hieß es. Ich glaube, meine Freundin hofft, das Mädchen würde sich die Kritik zu Herzen nehmen. Ich hatte aber den Eindruck, sie tat ihm einfach nur weh.
Angela Neudert, Berlin
Sicher haben Sie Recht. Es gibt Killersätze, die einfach nicht gesagt werden dürfen. Unter Erwachsenen fallen sie oft im Streit. („Ich hätte damals lieber Klaus heiraten sollen!“) Im Umgang mit Kindern rutschen sie heraus, wenn die Nerven versagen oder man gerade schwer enttäuscht ist.
Typisch sind Formulierungen wie: Das lernst du nie. Das ist eine Nummer zu hoch für dich. Wenn du so weitermachst, wird aus dir nie was werden. Das brauchst du gar nicht erst anfangen. Typisch der Vater: Große Klappe und nichts dahinter. Dein Bruder kann das zehnmal besser. Du bist und bleibst ein Mauerblümchen. Dass dich keiner leiden kann, hast du dir selbst zuzuschreiben...
Wer als Kind selbst mit solchen Sätzen konfrontiert war, weiß, dass man sie ein Leben lang mit sich herumschleppt. Man kann geradezu darauf warten,in bestimmten Situationen erklingt eine innere Stimme: „Lass es lieber, das wird nichts, du bringst nie etwas allein zu Ende.“ Oder „Du bist ein Angsthase, wenn es hart kommt, wirst du dich verkriechen. Du bist ein Einzelgänger, findest nie Anschluss.“ Mamas, Papas oder Omas Standardsätze. Selbst gegenteilige Erfahrungen kommen schwer dagegen an.
Killersätze sind für Kinder verbale Ohrfeigen. Schlimmstenfalls werden sie sogar zu sich selbst erfüllenden Prophezeiungen. Denn ein Teufelskreis kann einsetzen: Aus den Unternehmungen des Kindes wird tatsächlich nichts, weil es erst gar nicht dazu ansetzt. Schließlich hat es ja auch eine bequeme Begründung dafür: Alle sagen, das geht sowieso schief.
Ihre Freundin sollte darüber nachdenken, welches Bild von ihrer Enkelin sie tatsächlich hat. Hält sie sie wirklich für eine chaotische Träumerin, der im Leben nichts gelingen wird? Wohl kaum.
Statt gleich die Schablone zu zücken wäre es besser, nach positiven Ansätzen zu schauen. Welche Hürden hat das Mädchen erfolgreich genommen? Wann ist es über sich selbst – bzw. über Omas „Bannspruch“ hinausgewachsen? Ist es vielleicht unordentlich, aber ein Organisationstalent? So etwas zu bemerken und gebührend zu würdigen, bringt für die Entwicklung des Mädchens viel mehr.
Chronisches Meckern jedenfalls macht ein Kind niemals besser, sondern vergiftet nur die Beziehung. Wenn Ihre Freundin ihre Taktik nicht ändert, wird sich die Enkelin früher oder später aus reinem Selbstschutz zurückziehen.


