Kraniche und Klopfer

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Klopfer sind die anderen. Die Fremden, die ins Haus wollen, in dem Adina mit ihrer Mutter Carla lebt. Männer, die den Stromzähler ablesen kommen. Oder Nachbarskinder, die mit dem Mädchen spielen möchten.

Adinas Mutter lässt niemanden herein. Denn hinter ihrer mühsam gewahrten bürgerlichen Fassade ist sie ein Messie. Sie sammelt im Spermüll Dinge, die andere entsorgen. In ihrer Wohnung häuft sie kistenweise „Kostbarkeiten“ an, bis auch der kleinste Raum verbaut ist. Zuletzt sogar das Badezimmer.

Erst als Adina in die Schule kommt, wird ihr klar, dass irgendetwas nicht stimmt. Alles an ihr ist anders. Ihre Kleider, ihre Sprache, ihr Essen (Graubrot mit Bananenscheiben), ihr Denken. Unter den für ihre Nase übel riechenden Klopfer-Kindern bleibt sie Außenseiterin.

Doch es ist die Welt der anderen, die falsch ist, nicht ihre eigene. Sie kann ja sehen, wie fleißig ihre Mutter arbeitet. Wie tapfer sie aufräumt. Wie sie Dinge rettet, die man einfach nicht wegschmeißen darf. Deshalb hat sie nur einen kurzen traumhaften Urlaub lang Zeit für Adina. Sonst aber nie.

Behutsam, ganz aus der Perspektive des Mädchens erzählt Axel Brauns das Kinderschicksal, das erst eine Wende nimmt, als Adina sich zögernd mit einer Vogelschützerin anfreundet. Die kümmert sich um die scheuen Kraniche im Hamburger Umland und nimmt Adina manchmal mit.

In die Schilderung der Beziehung zwischen der einsamen Frau und dem einsamen Mädchen fließen Erfahrungen aus der autistischen Kindheit des Autors ein: Es ist möglich, einander nahe zu sein ohne sich zu nahe zu treten. Die „Kranichfrau“ kommentiert nichts und fragt nichts. Sie lässt einfach Badewasser ein und stellt zwei Sorten Duft-Schaumbad zur Wahl, zum Beispiel.

Wer jemals versucht, „schwierigen“ Kindern zu begegnen oder sogar ihre Lebensverhältnisse zu verbessern, sollte dieses bewegende Buch lesen. Es bewirkt einen Wechsel der Perspektive. Alina sieht die „Kranichfrau“ nicht als Retterin und sich nicht als bedauernswertes Opfer. Das lässt sie stark sein und bewahrt ihre Würde und ihr Selbstwertgefühl auch in den finstersten Momenten ihres Lebens.

Empfehlenswert auch für Mädchen ab 12, wenn sie leicht lesen und für ungewöhnliche Sprache empfänglich sind. Kühne Wort-Neubildungen wie madenblond, kirschgut oder wolkenglücklich, gemeinhin Markenzeichen von Autisten, scheinen auch für Autisten a.D. Ehrensache zu sein.

Axel Brauns, „Kraniche und Klopfer“, Verlag Hoffmann und Campe, ISBN 3-455-00585-3

Veröffentlicht am 6. Oktober 2006. (2052 Tage alt) in Buchtipps
 

„Stimmts, Opa“, sagte Anton gestern dicht an meinem Ohr, „das Leben ist ungerecht.“ „Und gefährlich, Alter!“, ranzte ich ihn wütend an. Der Kerl hatte mich aus dem schönsten Schlummer geschreckt.

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kussmann